Bin ich ein Versager?

Mein Gefühl zu versagen ist ständig präsent, obwohl es nicht nötig wäre. Ich kann es nicht wegschalten, weil ich ständig an mir zweifele und Fehler suche. Es hört sich kurios an, aber es hat bei mir nichts mit Selbstbewusstsein zu tun, denn in diesem Bereich fühle ich mich ziemlich sicher. Es hat etwas mit einer nach innen gerichteten Wahrnehmung zu tun.

Woher kommt das?

In erster Linie ist es mein angeborener Perfektionismus. Der verhindert, dass ich zur vollkommenen Zufriedenheit finde. Egal was ich mache, ich gelange nie an das Ziel, eine Sache vollkommen abschließen zu können. Aus meiner Sicht gibt es ständig Verbesserungsmöglichkeiten. Nichts ist gut genug.
Dabei fällt mir ein sehr prägnantes Beispiel ein:

Als ich mein erstes Buch schrieb, habe ich es 18 Mal mit der Korrekturleserin durchgearbeitet (480 Seiten!). Es ging zum Schluss nicht mehr um Rechtschreib- oder Grammatikfehler, sondern um einzelne kleine Sätze. Da ich jeden Tag eine andere Kondition habe, nehme ich jeden Tag die Dinge anders wahr. Was mir heute gefällt, gefällt mir morgen schon lange nicht mehr. Das ist eine große Belastung, denn der Frust ist vorprogrammiert. Man könnte auch sagen, dass meine Mitmenschen manchmal an mir verzweifeln können.

Ich empfinde große Dankbarkeit, wenn mich jemand stoppt und mir bestätigt, dass meine Arbeit gut genug ist und ich aufhören kann, mir weiterhin darüber Gedanken zu machen. Dann weiß ich, dass ich eine Qualität erreicht habe, die für diese Welt ausreicht. Wenn man mich nicht hin und wieder ausbremst, lande ich in einer ewigen Denkschleife. Ich denke ständig darüber nach, wie ich alles noch einen Tick besser machen könnte. Das ist verdammt anstrengend und viele Mitmenschen können mich in dieser Hinsicht nicht verstehen. Sie erledigen ihren Job, egal wie, und können danach einfach abschalten, wenn sie heim gehen. Ich besitze diesen Schalter nicht. Den muss ein anderer betätigen.

Das ist der Grund, weshalb ich im Urlaub auch sehr schlecht abschalten kann. Ich muss auf jeden Fall verreisen, weil das Abschalten zu Hause überhaupt nicht funktioniert. Wenn ich eine gewisse Entfernung zu meinem Wirkungsbereich habe und nur die Dinge mitnehme (Musik, Bücher, Wolle), die mich entspannen, gelingt mir die Erholung bereits recht gut.

Rückblickend auf mein Leben verspüre ich oft das Gefühl, versagt zu haben, sei es in der Schule, in der Ausbildung oder als Au-pair in den USA. Nie erreichte ich meine Ziele. Meine Arbeitsstellen gab ich häufig auf. Der Grund lag in meinem Perfektionismus. Ich führte jede Arbeit so perfekt aus, dass sie zwangsläufig zum Scheitern verurteilt war, denn es hat meine Kraftreserven aufgebraucht. Alle vier Jahre fühlte ich mich „leergepumpt“ und musste abbrechen, um mich zu erholen. Alle vier Jahre praktisch „Burn-Out“. Die Erholungszeit verursachte mir ein schlechtes Gewissen und ein Gefühl des Versagens.

Meine derzeitige Arbeit als Autorin fühlt sich gut an. Die ersten vier Jahre arbeitete ich als Self Publisher, spürte auch dabei, wie Lektorat und Korrektorat nebst Werbung wieder an meinen Kräften zehrte. Nichts erschien mir gut genug. Das Glück schien mir dafür hold! Es meldete sich ein großer Verlag und nahm mir in vielerlei Hinsicht meine Entscheidungen ab. Jetzt hat der Verlag das letzte Wort, und ich kann nach jedem fertigen Buch die „Akte“ schließen, weil ich nicht mehr entscheiden muss, wann es gut genug ist.

Versagen hat meiner Meinung nach etwas mit der Bereitschaft zu tun, anderen die Entscheidung zu überlassen. Da ich nicht gerne von anderen abhängig bin und nicht um Hilfe bitten mag, muss ich mich immer wieder überwinden, Projekte aus der Hand zu geben, auch wenn es mir schwerfällt. Doch zum Schluss bin ich oft sehr froh und fühle mich entlastet.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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2 Gedanken zu „Bin ich ein Versager?

  1. Joe

    Ich kenne das was Sie hier beschreiben sehr gut, die Blockaden, den Perfektionismus, das Gefühl nichts richtig hinzukriegen und ständig diese Zweifel, male mir aus wo ich wäre, hätte ich kein Asperger-Syndrom. Versuche meinen Weg zu finden und mit dem Gefühl fertig zu werden „nutzlos“ für die Gesellschaft zu sein. Bis jetzt führte dieser Weg über die Jahre immer relativ konstant abwärts, man muss sein Schicksal akzeptieren, zumindest das gelingt mir immer besser. 😉 LG

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    1. denkmomente Autor

      Vielen Dank für deinen Kommentar, lieber Joe! Es erging mir ähnlich, und je mahr ich mich mit mir beschäftige, je mehr Probleme bekomme ich in den Griff. Leider bleiben so manche Kontakte auf der Strecke. Wenn man das erst einmal akzeptiert hat, fallen viele Entscheidungen und werden viele Wege einfacher. Ich wünsche dir alles Gute und freue mich, dass es dich gibt! 🙂

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