Achterbahn der Gefühle

Ich hasse Achterbahn fahren! Und das meine ich ernst! In jeder Beziehung!

Die Achterbahn auf der Kirmes war mir bereits von Kindesbeinen an ein Graus! Wenn andere schreiend und lachend einen riesigen Spaß empfanden, überkam mich die reine Panik. Das ist bis heute so geblieben.
Geriet ich aus Versehen einmal in eine Achterbahn, die ich als solches nicht direkt auf Anhieb erkannte (im Phantasialand), musste ich ständig die Luft anhalten, um die steile Abfahrt auszuhalten. Diese kurze Schwerelosigkeit war für mich die reinste Qual. Es mobilisierte alle Ängste in mir, die ich abrufen konnte. Mein Kopf platzte förmlich vor Adrenalin. Ich empfinde Adrenalin als sehr unangenehm im Gegensatz zu manchen anderen. Wenn ich zu viel davon ausschütte, verdirbt es mir den ganzen Tag. Ich komme stundenlang nicht mehr zur Ruhe.

Genauso ergeht es mir, wenn meine Gefühle Achterbahn fahren. Es existiert bei mir keine gerade Strecke, bei mir gibt es im Leben nur Kurven oder steile Wege bergauf und bergab. Das macht mich oft unausgeglichen und nervös. Es gibt bei mir kaum ein „bisschen“ Gefühl, also ein gut erträgliches Gefühl. Entweder langweile ich mich sehr schnell oder ich reagiere hektisch und nahezu euphorisch. Das fühlt sich an, als würde der Zucker von einer Überzuckerung in die Unterzuckerung fallen. Es gibt kein ausgeglichenes Gefühl in meinem Leben. Es entsteht keine innere Ruhe oder Balance.

Bereits die kleinsten Erlebnisse können das verursachen. Zum Beispiel, wenn ich im Vorgarten arbeite. Ich lege mir einen Zeitplan im Kopf zurecht und verlassen nie „zeitlos“ das Haus, sondern plane die Gartenarbeit in einen festen Tagesablauf ein. Meist plane ich eine Stunde, weil mein Zucker sehr stark darauf reagiert und sinkt. Kommt allerdings gerade ein Nachbar vorbei und möchte etwas plaudern, werde ich nervös, auch, weil ich meine Insulindosis auf diese eine Stunden Gartenarbeit ausgerichtet habe. Ich lege aus Höflichkeit natürlich die Arbeit nieder und widme mich dem Nachbarn. Smalltalk fällt mir sehr schwer, weil ich nicht weiß, was den anderen interessiert. Da man mich selten draußen in der Siedlung findet, redet man auch gerne und lange mit mir. Ich erfahre von Reisen, Krankheiten und Begebenheiten in der Siedlung. Mittlerweile kann ich den zeitlichen Rahmen der Berichterstattung schon je nach Person abschätzen. Dennoch finde ich es sehr nett, von meinen Nachbarn angesprochen und gemocht zu werden. Ich mag sie auch sehr. Aber sie können natürlich nicht erkennen, wie meine innerliche Reaktion darauf ist, die ich nicht steuern kann. Es macht mir großen Stress, besonders, wenn das Gespräch länger als eine halbe Stunde dauert und ich bereits mit der nachfolgenden Tätigkeit beschäftigt bin. Ich schaffe es nicht, mir einfach weniger vorzunehmen, weil ich Langeweile oder Leerzeiten kaum aushalten kann. Ich bin ein Workaholic. Ich bin nicht in der Lage, mich ungeplant eine Stunde entspannt in den Garten zu setzen und „Zeit zu vergeuden“. Nicht in meinem Alltag. Ich habe ständig das Gefühl, viel schaffen zu müssen, um gut genug für diese Welt zu sein. Faulheit wird in der Gesellschaft verurteilt. Die Frage ist, wo fängt Faulheit an und wo endet sie? Da ich es nicht weiß, fülle ich meinen ganzen Tag mit Erledigungen.

Es gibt eine bestimmte Zeit, zu der meine innere Achterbahnfahrt zur Ruhe kommt. Das ist meine Schreibzeit in England. Zu dieser Zeit fühle ich mich stressfrei und entspannt. Weit weg von allen Menschen, Terminen und Erwartungen. Während dieser Zeit bin ich in der Lage „in den Tag hinein zu leben“ und spontan etwas zu unternehmen oder auszuruhen, was ich zu Hause nie schaffe. Ich kann mir in dieser Zeit etwas gönnen und genehmigen, aber zu Hause finde ich den „Genehmigungsschalter“ nicht!

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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