Fernweh – die ewige Flucht

Bereits im Alter von zehn Jahren hatte ich das Gefühl aus flüchten zu müssen. Das nennt man Fernweh. Mein Traumland waren die USA. Ich sammelte und las alles, was ich über das Land fand. Schaute jede amerikanische Serie, die derzeit lief, um die Menschen zu studieren und lernte die Sprache durch die Lieder von John Denver kennen.

Das Land faszinierte mich so sehr, dass ich eine Fototapete der Golden Gate Bridge und später der Skyline von New York in meinen Zimmern hatte, meine Wände mit Collagen dekorierte und überall, wo es möglich war, die amerikanische Flagge hinklebte. Ich studierte Schauspieler, die Szene Hollywoods und kaufte prächtige Bildbände der Nationalparks in den USA. Amerika war mein Spezialinteresse in meiner Kindheit und Jugend. Ich glorifizierte alles und hatte das Gefühl, dort zu Hause zu sein, also unbedingt hin zu müssen. Nur weg von Deutschland! Ich redete mir ein, dass meine Seele dort einmal gelebt haben müsste und begann Geschichten über das Land zu erfinden. Erst waren es lustige Geschichten, dann wurden es Krimis, später sogar Horrorgeschichten. Je doller, je mehr Spaß machte es. Ich las überwiegend Literatur amerikanischer Schriftsteller wie Jack London, Mark Twain und A.E.Johann. Später entwickelte ich eine zusätzliche Leidenschaft für englische Schriftsteller wie Charles Dickens und Oscar Wilde. Ein deutscher Krimi war für mich kein Krimi. Es musste ein amerikanischer sein. So ist es noch heute.

Mit Amerika verbinde ich ein besonderes Gefühl der Freiheit, des „Allesschaffens“ und „Allesdürfens“. Das hat vielleicht mit meinem Autismus zu tun, denn ich lese häufiger, dass sich Asperger nach fremden Ländern sehnen, weil sie dort unauffällig leben können und nicht wegen ihrer Wahrnehmung auffallen. Sie können peinliche Begebenheiten besser entschuldigen, indem sie die Sprache oder Kultur dafür verantwortlich machen. Zudem stehen viele fremde Länder den Aspergern aufgeschlossener gegenüber. Dazu gehören unbedingt die USA, Kanada und England. Irgendwie habe ich den Eindruck, dass sich in diesen Ländern viele Autisten aufhalten, weil sie so multikulturell und „verrückt“ sind.

Den ersten Schritt in ein fremdes Land tat ich mit 16 Jahren, als die Schul-Abschlussfahrt nach London ging. Es war die erste Konfrontation mit englisch sprechenden Menschen. Ich werde diese Fahrt nie vergessen, denn sie offenbarte mir, wie gerne ich Englisch sprach. Ich konnte von den Menschen und der historischen Stadt nicht genug bekommen und trennte mich regelmäßig von der Klassengemeinschaft, weil niemand meine Begeisterung in dem Maße teilte, wie ich sie empfand. Zudem war ich immer gerne alleine unterwegs, um mich nach niemanden richten zu müssen.
Nach dieser Reise stand für mich fest, dass ich den Sprung in die USA schaffen würde!

Wer sich in England verständigen kann, kann dies auch in den USA. Diese Erkenntnis schürte mein Fernweh unermesslich, dass ich wahre Seelenqualen in Deutschland erlitt.
Drei Jahre später war es soweit. Ich hatte mir eine Aupair Stelle in Costa Mesa/Kalifornien besorgt und reiste auf dem Weg dorthin zuvor drei Wochen nach Aspen/Colorado. Dort fand ich eine Welt, in der ich später leben wollte. Ich wanderte durch die gesamte Umgebung und fand zu einer Art inneren Frieden, wie ich ihn nie zuvor gespürt hatte. Ich saß stundenlang am Maroon Lake, wanderte, schrieb und las Bücher. So viel Natur, so viel Ruhe! Ich war angekommen und nahm mir vor, nach meinem Aupair-Jahr und der Beendigung meine Ausbildung nach Aspen zu reisen, um dort zu leben. Doch es kam alles anders.
Meine Mutter erkrankte schwer an Depressionen und hatte bereits einen Suizidversuch hinter sich, während ich noch bei ihr lebte. Unmittelbar nach meiner Abreise in die USA unternahm sie einen zweiten Suizidversuch und wurde erst in einer geschlossenen, später in einer offenen psychosomatischen Klinik untergebracht. Das machte mir so sehr zu schaffen, dass ich alles nach nur sechs Wochen abbrach und nach Deutschland zurückkehrte. Drei Monate später verstarb sie nach ihrem dritten Suizidversuch in der Klinik.

Ich nahm mir vor, direkt nach der Beendigung meine Ausbildung wieder in die USA zu reisen. Es kam nicht dazu, weil ich meinen zukünftigen Mann kennenlernte und beschloss, erst einmal in Deutschland zu bleiben. Aber wir feilten bald an einer gemeinsamen Auswanderung und bereisten die USA einige Male mit unseren Kindern.

Immer wieder verspüre ich das Bedürfnis, Deutschland zu verlassen . 2007 wanderten wir mit der gesamten Familie nach Kanada aus, mit dem Ziel, dort fünf Jahre legal zu arbeiten und zu leben, um dann legal in die USA einreisen zu können. Leider mussten wir uns auch von diesem Ziel verabschieden, weil ich durch die immense Veränderung und das Leben in der Großstadt Calgary psychische Zusammenbrüche erlitt. Die Größe der Stadt und die vielen fremden Menschen und Begebenheiten machten mir plötzlich immens Angst. Wir brachen unsere Zelte nach nur fünf Monaten ab, weil ich dermaßen viele Overloads erlitt und so schwer erkrankte, dass sich Knoten an der Schilddrüse bildeten.

Mein Fernweh ist geblieben. Noch heute verspüre ich den Drang, hier weg zu müssen und habe mir seit einem Jahr ein neues Ziel nach England aufgebaut. Dort habe ich einen Ort gefunden, der mir keine Angst macht. Er ist überschaubar, mit allen Geschenken der Natur gesegnet (Küste, Wälder, Felder) und hat eine Art der Langsamkeit, mit der ich gut zurecht komme. Es ist das Kleine und Gemütliche, das ich suche. Etwas, das nicht ständig meine Aufmerksamkeit fordert und überfordert. Je weniger ich um mich habe, desto besser geht es mir.

Ich werde wohl immer an Fernweh leiden und lese immer wieder, dass es anderen Aspergern genauso geht. Ist es die Flucht vor dem Leben, das wir hier in Deutschland nicht mehr bewältigen können? Fühlen wir uns nicht angenommen? Viele Schriftsteller, unter anderem Hermann Hesse, berichten ebenfalls von ihrer Sehnsucht nach andere Länder. Im Internet wird Hesse als Autist beschrieben. Er kommt meinem Denken und Fühlen sehr nahe.

Ich sehe bei mir die Lösung darin, mir ein zweites Zuhause in England aufzubauen, damit ich immer flüchten kann, sobald mir danach ist. Derzeit lebe ich schon ein Viertel des Jahres dort und schreibe dort sehr glücklich meine Bücher. Ich spüre, dass der Weg stimmt!

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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2 Gedanken zu „Fernweh – die ewige Flucht

  1. Forscher

    Ich bin auch vor 10 Jahren aus Deutschland geflohen, weil ich mich dort unverstanden fühlte und nur weg wollte. Nicht, dass Österreich viel anders wäre. Über Autismus ist hier sogar noch weniger bekannt. Die österr. Autistenhilfe verlinkte kürzlich auf einen Kongress, bei dem vorwiegend AutismSpeaks-Redner auftraten. Hier verbindet man Autismus wohl überwiegend mit Kanner, Impfschäden, etc. Sehr schade das. Aber als ich hierherkam, wusste ich nicht, dass ich autistische Eigenschaften hatte. Ich imitierte bald den österr. Dialekt, passte mich an wie ein Chamäleon, und gerade Deutsche bemerkten nicht sofort, dass ich gar kein Österreicher war. Nach 10 Jahren stelle ich fest, dass ich es hier genauso schwer habe; auch ich spielte schon mit dem Gedanken, in die USA, Kanada oder Großbritannien auswandern zu wollen, weil ich mich auf Englisch besser ausdrücken kann, verbal und schriftlich, weil wie Du schreibst, viele sonderbare Verhaltensweisen kaschiert werden, weil auch die Menschen generell offener sind, wenn man sich nicht in der Provinz befindet. Weil der Zugang zur Wissenschaft in den engl.-sprachigen Ländern viel leichter ist, weil es die Sprache der Wissenschaft ist. Hier hört man immer „wir sprechen hier Deutsch, bleib weg mit deinem englischen Zeug!“ das frustriert auf Dauer, wenn nunmal wichtige neue Erkenntnisse nur auf Englisch erscheinen.

    Ich bin so froh um Deine Texte hier, kann das kaum in Worte fassen, danke, danke!

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    1. denkmomente Autor

      Du sprichst mir aus dem Herzen!! Ich kann Englisch zwar nicht sehr gut, weil mir die Praxis einfach fehlt, aber ich fühle mich immer nur gut unter diesen Menschen! Wie ich lese, hast du auch „auswärts“ gelebt. Leider sind meine Versuche immer fehlgeschlagen, weil immer etwas unvorhergesehenes passierte, was mich zurück nach Deutschland holte. Aber ich arbeite schon wieder an meiner nächsten „Flucht“. Hoffentlich klappt es diesmal, denn ich gehe schrittweise vor, um das Gelingen zu sichern. 😀 Viele Grüße

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