Schaukeln

Ich schaukele nicht sitzend vor mich hin und beruhige mich damit. Obwohl … doch, irgendwie stimmt es schon. Aber es ist kein apathisches Wippen auf dem Sofa oder in irgendeiner Ecke. Nein, ich schaukele in der Regel schon von klein an. Überall, wo ich eine Schaukel fand, musste ich drauf. Nicht mal eben, nein, stundenlang. Es gab für mich keinen interessanten Sandkasten, kein Karussell oder eine Wippe auf dem Spielplatz – nur eine Schaukel.

Meine Eltern hingen schon sehr früh eine Schaukel mit Turnstange bei uns im Garten auf, wo ich mich stundenlang aufhalten konnte, ob bei Regen, Wind oder Sturm. Schaukeln war für mich immer wie Fliegen, so wie ich immer die Vögel am Himmel sah und beneidete. Nur weg, hoch in die Luft und keinen Menschen mehr um sich haben. Dieses Gefühl spürte ich beim Schaukeln. War ich damit beschäftigt, konnte mich niemand erreichen.

Als ich größer wurde, schenkte mein Vater mir einen Schaukelstuhl, den ich drei Jahrzehnte lang behielt. Ich saß ständig darin und las oder hörte Musik.
Als ich mit meiner eigenen kleinen Familie in das erste Haus mit Garten zog, baute mein Mann eine Hollywoodschaukel aus Holz, damit ich auch draußen wieder schaukeln konnte. Darin saß ich, sooft ich konnte, und las oder sah mir einfach nur den Himmel an, während mein Körper dieses beruhigende Gefühl spürte.

Auch heute habe ich wieder eine Hollywoodschaukel in meinem Garten und verbringe dort jede freie Minute, die ich finde. Derzeit suche ich wieder einen schönen bequemen Schaukelstuhl für mein kleines Arbeitszimmer am Fenster.

Es liegt auf der Hand, dass mich diese Art der Bewegung ungemein beruhigt. Es kommt fast dem Lesen und Musikhören gleich. Am besten funktioniert es, wenn ich draußen schaukele und frische Luft einatme.

Es ist allgemein bekannt, dass sich Babys durch Schaukeln beruhigen, was auf die natürliche Bewegung während der Zeit im Mutterleib zurückgeführt wird. Deswegen kaufte ich eine Babywiege und ein Tragetuch für meine Kinder. Meinen ersten Sohn trug ich fast nur im Tragetuch, weil er im Kinderwagen ständig weinte. Sobald er an mich gebunden war, geschaukelt wurde und Wärme spürte, hörte ich keinen Ton von ihm. Viele Mitmenschen beäugten uns misstrauisch und prognostizierten mir, ich würde das Kind zu sehr verwöhnen, aber ich sah das anders und ließ mich nicht beirren. Ich trug mein Kind auch in der Wohnung und bei der Gartenarbeit in diesem Tuch und habe nie das Gefühl verspürt es zu verhätscheln. Wir beide pflegen bis heute ein sehr gutes Verhältnis zueinander. Den zweiten Sohn schaukelte ich in der Wiege. Dort war sein eigener Himmel! Er war ein sehr lebhaftes Baby, aber sobald er in der Wiege lag, kam er zur Ruhe, so dass auch sein älterer Bruder ihn dort öfters schaukeln konnte. Auch zu ihm habe ich bis heute ein gleich gutes Verhältnis.

Was ist es, das das Schaukeln so angenehm für uns macht? Wir drei sind sogenannte repetitive (sich wiederholende) Stereotypen und lieben bestimmte Bewegungen und Abläufe im sich immer wiederholenden Rhythmus. Das zeigt sich manchmal durch minimale Bewegungsabläufe, z.B. Fingerdrehen oder die Haare zwirbeln. Ich fasse beim Denken z. B. immer wieder an eine bestimmte Stelle am Kopf oder fahre mir durch die Haare, um meinen Denkprozess fortzuführen. Ich höre immer die gleiche Musik und trinke immer zur gleichen Zeit Kaffee oder Tee, sofern es möglich ist. Ich mache immer zur gleichen Zeit meinen Abendspaziergang oder gehe einkaufen. Es fällt vielen nicht auf, aber wer genau hinschaut, wird immer wieder die gleichen Abläufe bei mir finden. Wenn ich morgens später aufstehe, weil ich nachts nicht schlafen konnte, kommt mein Ablauf durcheinander, und ich habe große Mühe, meine Erledigungen, die ich mir vorgenommen habe, zu schaffen. Ich dusche später, nehme den Kaffee später zu mir und bin völlig aus dem Rhythmus.

Wer das Gefühl nicht kennt, kann sich nicht vorstellen, wie viel Stress es tagsüber in mir auslöst. Manchmal poste ich in Facebook eine lustige erschöpfte Tierfigur. Das ist ein Zeichen, dass mein Tag wieder einmal aus den Fugen geraten ist. Es fühlt sich an, als wenn ich schaukele und immer wieder angehalten werde. Das nervt, macht mich aggressiv und erschöpft mich.

Wenn der Stress ganz schlimm wird, weil ich z.B. einen Termin auf den nächsten Tag verlegen muss, setze ich mich in meine Hollywoodschaukel und warte, bis ich eine gewisse Ruhe wieder gefunden habe. Erst dann kann ich den Rest des Tages bewältigen.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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