Bloß keine Pause gönnen!

Pausen kenne ich nicht, wohl das Wort und die Bedeutung, aber das Gefühl, eine Pause machen zu dürfen, ist mir fremd.

Als ich bei verschiedenen Arbeitgebern arbeitete, gab es natürlich Pausen, die ich einhalten musste, aber abschalten konnte ich nie. Stattdessen überlegte ich die ganze Zeit, wie ich diese nutzlose Zeit herumbekomme und etwas schaffe. Nun, da ich gerne handarbeite, hatte ich immer etwas dabei, um daran weiter zu arbeiten. Ich strickte Pullover und Schals oder häkelte irgendwelche komplizierten Kunstdeckchen. Essen war Nebensache. Abschalten ging gar nicht. Wie soll das möglich sein, wenn ich Menschen und Geräusche um mich habe? Das alles hält meine Synapsen immer auf Empfang. Und wenn ich einmal hinausging, weil ein kleiner Park oder Garten zum Gelände gehörte, dann saßen dort bereits andere, die miteinander plauderten. Zudem sah man es nicht gerne, wenn ich mich mit Kopfhörern in eine Ecke zurückzog. Damit signalisierte ich Desinteresse am Team. Also hielt ich aus und verbrachte meine Pausen als Nichtraucherin mit Rauchern oder als Nicht-Smalltalkerin mit Smalltalkern. Ich lachte, tauschte unwichtiges Zeug aus und wartete auf das Ende der Pause. Ich ließ mir nichts anmerken, womit ich mich ausgrenzen könnte. Keiner konnte je bemerken, wie erschöpft ich heimkehrte. Acht Stunden Dauerbeschallung ließen mir kaum noch die Möglichkeit, den Haushalt oder gar den Einkauf abends zu schaffen. Am Wochenende schlief ich lange und sah nur durch das Fenster fröhliche Menschen das Wetter genießen. Ein Treffen mit Freunden war schlicht unmöglich, weil ich keinerlei Aufmerksamkeit mehr hatte, die ich ihnen hätte schenken können. So sagte ich systematisch fast jedes Treffen am Wochenende ab. Hin und wieder Kino oder Konzerte, aber die erschöpften mich dann noch zusätzlich, so dass die darauffolgende Woche noch anstrengender wurde. Ich verlor in dieser Zeit immer mehr Freunde, die mir sagten, wie sehr ich mich verändert hätte, seit ich arbeiten ginge. Aber ich musste doch meinen Lebensunterhalt verdienen.
Ich hielt es auf keiner Stelle länger als vier Jahre aus. Dann war mein Körper dermaßen erschöpft, dass er resignierte. Man unterstellte mir, kein Durchhaltevermögen zu haben, dabei hatte niemand eine Ahnung, wie ich mich fühlte.

Das war einer der Gründe, warum ich mich immer falsch fühlte.
Warum empfanden die anderen keine Erschöpfung und konnten jeden Abend nach Feierabend noch viele Stunden mit Freunden oder Freizeitbeschäftigungen verbringen? Ganze Wochenenden durchfeiern und Ausflüge machen? Ich fühlte mich ständig wie ein ausgewrungener Putzlappen und sehr schuldig. Ich fühlte mich faul und unfähig. Deswegen gönnte ich mir auch keine Belohnung.

Erst viele Jahre später bekam ich durch meinen Mann die Möglichkeit, weniger Stunden am Tag zu arbeiten, weil sein Einkommen unsere monatlichen Ausgaben deckte und mein verdientes Geld für Urlaub und sonstige Anschaffungen beiseitegelegt werden konnte. Das erleichterte mich enorm, weil ich dadurch auch mehr Kraft und Freude an Freizeitaktivitäten fand.
Aber eine Pause gönnen? Das kann ich bis heute nicht.
Ich arbeite seit vier Jahren freiberuflich von Daheim. Uns selbst dort finde ich keine Möglichkeit zur Pause, weil ich es irgendwie nicht zulassen kann. Wenn ich müde werde, überlege ich, ob ich nicht irgendetwas anderes – nicht so Anstrengendes – tun kann, um mich zu erholen. Ich stricke meist Socken für Obdachlose, so dass ich auch diese Zeit als sinnvoll verbracht erachten kann.

Wirklich zur Ruhe komme ich erst, wenn ich mein Arbeitsumfeld konsequent verlasse, das heißt, wenn ich hinaus in die Natur gehe. Wenn ich in England bin und meine Bücher schreibe, schalte ich irgendwann den Laptop aus und verlasse für eine mehrstündige Wanderung das Haus. Egal bei welchem Wetter. Dann spüre ich tiefe Erholung. Das kann ich im Kreise meiner Familie nicht umsetzen, weil ich immer den Haushalt und Einkauf zu erledigen habe. Ich denke ständig daran, was ich statt wandern noch im Haus und Garten machen kann, damit auch das erledigt ist. Ich bin nicht in der Lage, mir Pausen zu gönnen.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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Ein Gedanke zu „Bloß keine Pause gönnen!

  1. NT

    Für einen NT beinahe unvorstellbar, keine Pasue machen zu „können“. Natürlich kenne ich auch das Gefühl, an einer Sache unbedingt konsequent dran bleiben zu wollen, zu müssen. Aber trotzdem freue ich mich auf den Moment, wo ich Pause machen und abschalten kann.

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