Ich verirre mich ständig

Ich konnte mich noch die gut orientieren. Und das nicht nur im übertragenen Sinne.

Vor einigen Tagen hörte ich zum ersten Mal den Begriff „topographische Agnosie“ – Verlust des visuellen Erkennens bekannter bzw. vertrauter Orte, Gegenden und Wege trotz Erhalts der visuellen und kognitiven Funktion.

Ich wurde sofort aufmerksam und musste grinsen, weil ich eine von denen bin, die sich ständig verläuft.

Einfaches Beispiel: Ich mache seit über 30 Jahren in der Ohligser Heide in Solingen fast jeden Sonntag einen ausgiebigen Spaziergang. Immer den gleichen Weg und immer die gleichen Abzweigungen und doch bin ich nicht in der Lage, die richtigen Abzweigungen zu erkennen. Jedes Mal muss ich nachfragen, wenn die Wege sich vor mir verzweigen. Muss ich jetzt links oder rechts? War hier bereits die Abbiegung? Bin ich diesen Weg überhaupt schon einmal gegangen? Sicher, schon hunderte Mal! Aber wieso erscheint er mir jedes Mal so fremd? Bin ich einfach zu blöd, ihn mir zu merken? Damit stellt sich direkt die nächste Frage: Wie blöd bin ich eigentlich? Oder: Was kann ich überhaupt?

Immer wieder überfallen mich diese Zweifel, warum ich bestimmte Dinge im Leben einfach nicht schaffe oder lerne. Ich sage oft: Ich bin eben ein Schaf. Das vergisst auch immer alles.

Anderes Beispiel:

Ich fahre seit über 30 Jahren meinen Vater im Westerwald besuchen, gute 100 km von meinem Zuhause entfernt. Immer die gleiche Strecke. Doch merken kann ich sie mir nicht. Ich lehne die Technik zwar weitgehend ab, weil ich sie oft nicht verstehe, aber in diesem Falle bin ich für ein Navigationssystem dankbar. Früher musste ich ständig anhalten, um eine Karte zu Rate zu ziehen. Mit dem Kartenlesen habe ich auch einige Schwierigkeiten, ich kann mich oft nicht in die richtige Richtung hineinversetzen.

Ich wollte als Kind und Jugendliche nie mit dem Bus fahren, weil ich ständig in den falschen einstieg und auf halber Strecke Panik hatte, wenn der Weg nicht stimmte. Dadurch fuhr ich viel Rad oder ging zu Fuß. Noch heute habe ich Probleme damit. Deswegen meide ich weitgehend öffentliche Verkehrsmittel. Ich bekomme immer noch Panik, wenn die Richtung nicht stimmt, obwohl es so einfach ist, dies zu korrigieren.

Als wir 2007 in Calgary/Kanada lebten, war diese Stadt eine Katastrophe für mich! Über eine Million Einwohner! Wie sollte ich jemals lernen, mich in diesen Straßen zurechtzufinden? Dabei war es ganz einfach. Wie alle großen und kleinen Städte in Kanada oder den USA gibt es das einfachste System der Welt, nur waagerechte und senkrechte Straßen – regelrechte Straßennetze. Was ist daran schwer? Aber auch das war für mich unüberschaubar. Selbst nach fünf Monaten fand ich den Weg zu unserem Haus nicht mehr und hatte auf jeder Fahrt Angst und Panik, mich zu verfahren. Ich konnte mir Abzweigungen und Straßennamen einfach nicht merken. Manchmal hilft mir ein extrem großes buntes Gebäude oder eine andere große Auffälligkeit am Straßenrand, den Weg zu finden, aber das ist eher selten.

Allerdings habe ich diese Ratlosigkeit bei Wegen nicht immer und überall. Das wäre undenkbar. Ich kenne die kleinen umliegenden Städte in meiner Umgebung einigermaßen gut. Ich kann mir jedoch kaum Straßennamen merken außer dem, wo ich wohne. Es ist, als ob keine Merkfunktion oder kein Programm dafür in meinem Gehirn existiert. Straßennamen, die ich bereits hundertmal gelesen habe, bleiben einfach nicht hängen. Wenn man mich in meiner Wohnnähe nach einer Straße fragen würde, müsste ich in den meisten Fällen passen, obwohl ich den Namen gestern noch beim Spazierengehen gelesen habe. Natürlich kann ich mir einige Straßen merken, aber ich kann mir den Grund nicht erklären, warum gerade diese.

Genauso kann ich mir Namen von Menschen oft nicht merken. Ich nehme ihn zwar wahr, wenn ich ihn höre, vergesse ihn jedoch sofort wieder. Peinlicherweise muss ich immer wieder nachfragen. Allerdings gibt es Namen, die ich nie vergesse, mein ganzes Leben lang. Wahrscheinlich weil ich Erlebnisse mit ihnen verbinde, die mich sehr beeindruckt oder verletzt haben.

Wenn ich fremde Städte besuche und meinen Wagen irgendwo parke, bekomme ich regelmäßig Probleme, ihn wieder zu finden. Dies hat einige Male zu schlimmen Panikattacken in großen Parkhäusern geführt. Ich habe überhaupt keinen Orientierungssinn. Wenn man mich im Kreis dreht, weiß ich nicht mehr wo ich bin!

Diese unzureichende Merkfähigkeit vermittelt mir oft das Gefühl von Dummheit, weil man dummen Menschen solche Schwächen unterstellt. Dafür kann ich mir Dinge merken, die sich oft kein anderer merken kann. Zum Beispiel Nummernschilder von Autos, die ich mir fotografisch merke, ohne einen Wert damit zu verbinden. Zudem kann ich mir fast alle Preise in den Supermärkten, die ich aufsuche, merken.
Meine Finger leiden ebenfalls an „Verirrungen“. Mit frappierender Regelmäßigkeit schreibe ich am Computer „ei“ und „ie“ verkehrt herum, außerdem auch „an“ und „na“. Egal wie sehr ich mich konzentriere, die Finger bekommen ständig falsche Signale.

Mein Merksystem hat keine Logik. Es macht mir oft Angst oder verunsichert mich stark. Natürlich gebe ich mir große Mühe, mir alles zu merken, was man mir mitteilt, aber meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass ich mein eigenes Merkprogramm nicht erklären kann. Dafür benutze ich viele Zettel, die überall herumfliegen. Zur Sicherheit habe ich immer einen Block bei mir.
Vielleicht ist mein Kopf einfach nur zu voll von „unwichtigen“ Dingen oder kleinen Details.

Meine größte Verirrung von allen ist jedoch, dass ich mich fast ein ganzes Leben lang in der Welt verirrt habe. Damit meine ich, dass ich den größten Teil meines Lebens in einer Welt gelebt habe, die nicht die meine war. Jetzt habe ich endlich meine echte Welt gefunden und sie fühlt sich wunderbar an. In dieser Welt darf ich Wege und Namen vergessen, muss mir nicht alles merken, was ich mir nicht merken kann, und darf die Sprache sprechen, die mir am besten liegt; die direkte Sprache ohne Verschleierung, Manipulation oder Lügen. Ich darf alleine sein, wenn ich es will, und mich mit den Themen beschäftigen, die mich interessieren. Ich darf die Arbeit erledigen, die mir gefällt und nur die Freunde um mich haben, die ich wirklich mag. Allerdings gefällt das vielen aus meinem früheren Leben nicht sehr gut. Auch in dieser Hinsicht habe ich gelernt, auf diese Menschen zu verzichten. Alles, was ich jetzt noch suche, ist der Ort, an dem ich mein Leben leben kann. Und den werde ich auch noch finden …

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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4 Gedanken zu „Ich verirre mich ständig

  1. Forscher

    Teilweise finde ich mich wieder, etwa darin …

    „Dafür benutze ich viele Zettel, die überall herumfliegen. Zur Sicherheit habe ich immer einen Block dabei“

    oder mit dem Namensgedächtnis, außer es geht um Filmschauspieler, da hab ich ein recht umfassendes Gedächtnis. Ist ja auch wahnsinnig hilfreich im Alltag 😉

    Teilweise geht es mir ähnlich an unbekannten Orten, v.a. meine Orientierung nach Himmelsrichtung geht überhaupt nicht. Anfangs verlief ich mich in Wien ständig, weil mir die Bezugspunkte fehlten. Auch den Öffis bin ich schon in die falsche Richtung gefahren. Ich habe vorher jahrelang im Gebirge gelebt, da hatte man Anhaltspunkte. So begann ich vor 4 Jahren, nach Kirchtürmen Ausschau zu halten, von denen jede Stadt reichlich hat. Und so fing mein Interesse für die Architektur an. Seitdem schaffe ich mir eigene Bezugspunkte, in dem ich mir architektonisch markante Bauwerke einpräge.

    Zudem sitze ich gerne stundenlang vor Stadt- und Wanderplänen, an meiner Zimmerwand hängen topographische Karten. Navigeräte vermeide ich deswegen bewusst, weil diese Geräte können genauso spinnen oder sind nicht immer verfügbar, und dann bin ich wieder auf mich alleine gestellt. Deswegen übe ich das Kartenlesen ständig. Nicht zuletzt halfen mir da auch entsprechende Übungen bei Wanderungen durch Bergführer, wie man Details in den Karten interpretiert, und sich auch im weglosen Gelände zurechtfindet.

    Manches geht also durch Übung, wenig intuitiv, und anderes geht nie, z.B. sich etwas merken können, ohne es vorher aufschreiben zu müssen.

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  2. Pingback: Wie ich mich orientiere. | Erdlingskunde

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