Systemdenken

Mein gesamtes Denken kommt dem eines Systems gleich. Mein ganzer Haushalt unterliegt einem großen System. Meine Freundschaften unterliegen einem System. Meine Gefühle unterliegen Systemen. Und die gesamte Welt um mich herum ist überhaupt das größte System in meinem Leben.

Ich liebe diese Systembilder in Facebook, in denen man einen Fehler oder ein Wort finden muss. (Finde unter 500 Neunen die Acht) Nur Sodoku beherrsche ich nicht, weil ich kaum mathematisches Verständnis besitze. Aber diese Bilder, in denen etwas gefunden werden muss, seien es Fehler oder Details, mag ich sehr und finde es oft auf Anhieb heraus. Ich mag auch Wolken, weil ich in fast jeder Wolke etwas erkennen kann, sei es ein Tier, ein Gesicht, eine Figur oder einen Gegenstand. Ich sehe in Hausfassaden und Autos von vorne Gesichter. Sobald die Anordnung von Auge, Nase und Mund vorhanden ist, sehe ich lachende, schreiende, rufende oder traurige Gesichter. Ich verbinde verschiedene Menschen mit Farben. Nahestehende Menschen haben leuchtende Farben, die mir feindlich gesinnten sind schwarz und alle anderen empfinde ich als grau. Ich sehe diese Farben nicht, ich empfinde sie nur. Wenn ich erkläre, dass beim Einkaufen graue Schatten an mir vorbeihuschen, sind es Empfindungen.

Ich denke in Mustern und Kategorien, um die Welt zu verstehen. Es ist für mich wichtig, alles und jedem irgendetwas zuzuordnen, damit ich passende Eigenschaften damit verbinden und es begreifen kann. Systeme machen mich sicher, weil sie eine Logik haben, nicht verfälscht werden können und weil ich mich auf sie verlassen kann. Ich besitze kein intuitives Verstehen, das heißt, ich kann nicht zwischen den Zeilen lesen, sondern habe nur eine vage Vorstellung von dem, was sein könnte. Das ergänze ich mit den Eigenschaften aus meinen Systemen und so bekomme ich eine genauere Vorstellung.

Einige kennen die Situation, dass man einem schlecht riechenden Menschen mit verdreckter Kleidung begegnet und sofort an einen Obdachlosen denkt. Der Gedanke ist oft negativ belegt, weil Obdachlose nicht gerade als angenehm von der Gesellschaft empfunden werden. Also verbindet auch der Mensch ohne Autismus bestimmte Merkmale mit dem Systemdenken. Nur, dass es bei mir etwas anders funktioniert.

Ich ordne Merkmale anders zu. Ich ordne diesen obdachlosen Menschen immer positiv ein, es sei denn er begegnet mir frech und respektlos. Dann fällt er in meinem System sofort durch und ich verschwende keinen Gedanken mehr an ihn. Es ist mir egal, wie ein Mensch aussieht, riecht oder woher er kommt. Für mich ist es wichtig, wie er mir begegnet, das heißt, wie der erste Eindruck verläuft.
Das Gefährliche dabei ist, dass auch manipulative Menschen, die „immer“ nach außen freundlich wirken, bei mir die Chance bekommen, am Anfang Sympathien zu gewinnen. Jeder bekommt von mir die Chance, seine Freundlichkeit und die damit verbundene Ehrlichkeit zu beweisen. Während Menschen ohne Autismus recht schnell erkennen, wenn eine gewisse Falschheit dahinter steckt, bin ich immer noch zuversichtlich. Sobald sich diese Freundlichkeit auch für mich komisch anfühlt – und dies dauert erheblich länger –, wühle ich in meiner Systemkiste, ob ich zu diesem Verhalten schon einmal Erfahrungen verbucht habe, die denen, die ich gerade wahrgenommen habe, ähnlich sind. Finde ich sie, entsteht eine Kategorie. Bis hierhin fühlt sich auch alles relativ normal an. Schlimm wird es, wenn ich die Zeichen falsch deute und eine Kategorie für diesen Menschen entwickle, die falsch ist. Zwei, drei falsch zugeordnete Zeichen und diese Person verschwindet auf Nimmerwiedersehen aus meinem Leben. Keine Emotionen, egal, wie oft und wie stark diese Person versucht, sich zu erklären oder alles als Missverständnis darzustellen. Ich kann nicht mehr reparieren und vertrauen. Diese Person hat mir so viel Angst eingejagt, dass ich keinen Kontakt mehr wünsche. Ich kann nicht mehr abschätzen, ob diese Person nun Recht hat. Dadurch kommen bei mir immer wieder Fehlentscheidungen zustande. Während NTs diesen Menschen problemlos verzeihen und vergessen können, versagt mein System. Dies ist eine Eigenschaft, die ich an mir selbst nicht mag, sie aber nicht ändern kann.

In meinem Haushalt muss alles immer an seinem Platz sein, sonst empfinde ich Stress. Unaufgeräumte Zimmer nerven mich, obwohl ich durch das Zusammenleben mit einer Familie gelernt habe, auch mal etwas „schleifen“ zu lassen. Aber der Drang, Ordnung zu schaffen, geistert ständig in meinem Kopf herum und belegt meine Zellen, die sich eigentlich entspannen sollen.

Bei mir hängt der Schlüssel immer an der gleichen Stelle, und die Geldbörse liegt immer in meiner Tasche. Sollte eines davon nicht an seinem Platz sein, kann ich ziemlich sicher sein, dass es jemand aus der Familie genommen hat.
Meine Wäsche hängt immer exakt nach „Thema“ geordnet auf dem Ständer. Der Wäscheständer sieht wie ein immer gleiches Systemspiel aus.
Was ich allerdings auch sehr mag, ist, wenn Möbel schief im Raum stehen. Der Esstisch oder das Sofa darf ruhig mal querstehen. Das ist ein Zeichen, das ich gerade etwas Gelassenheit empfinde, aber sobald wieder alles exakt gerade steht, bin ich wieder im System der Ordnung gefangen. Mein Mann kommt oft verwundert nach Hause, weil er unsere Möbel ständig vom Platz verrückt vorfindet. Veränderte Stimmungen zeigen sich bei mir also auch in einer Art System.Mein Systemdenken ist ebenso mit Terminen verbunden. Ich plane meinen Tagesablauf ziemlich genau, das heißt nicht unbedingt jede Erledigung zu einer bestimmten Stunde, aber ich mache einen Arbeitsplan mit meinen Aufgaben, die ich schaffen möchte. In welcher Reihenfolge ist mir ziemlich egal. Dafür liegt ein kleiner Zettel auf meinen Schreibtisch, auf dem alle Erledigungen notiert sind und die darauf warten, abgestrichen zu werden. Das ist wichtig, damit ich nichts vergesse und mich erfolgreich fühle.

Nun kann es vorkommen, dass in der Familie etwas passiert, das meine Pläne umwirft. Das bringt mich völlig durcheinander. In mir entsteht Hektik, weil mein Tagessystem gestört wird. Ich muss sämtliche Erledigungen umsortieren in das System des nächsten Tages. Wenn ich für diesen Tag bereits Termine oder Planungen habe, entsteht Stress in meinem Kopf, denn ich kann die geplanten Erledigungen nicht ruhen lassen und darauf warten, bis sich erneut Zeit findet. Dies ist wie ein Zwang. Unerledigte Dinge schwirren ständig in meinem Kopf herum, solange, bis sie erledigt sind. Ich habe keinen Schalter im Hirn, den ich umlegen kann. Dieses Denken verursacht viel Stress, den NTs nicht verspüren. Sie haben ihre Festplatte erheblich leerer. Meine ist immer vollkommen überfüllt.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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