Schlechtes Gewissen und Schuldgefühle

Beides bekomme ich schnell! Viel schneller und intensiver als andere. Eigentlich habe ich ständig ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle, weil ich mein Verhalten und meine Reaktionen immer und immer wieder hinterfrage und neu bewerte. Durch meine andere Wahrnehmung bin ich oft nicht in der Lage abzuschätzen, ob das, was ich gerade getan habe, angemessen war. Was mag der andere jetzt über mich denken?
Finde ich Anhaltspunkte, die auf eine unangemessene Reaktion von mir hinweisen, setzt sich der Prozess in Gang. Erst leide ich an einem schlechten Gewissen und, wenn es ganz schlimm wird, leide ich an Schuldgefühlen. Diese Schuldgefühle können unterschiedlich stark ausgeprägt sein. Ich empfinde sie wie eine Plage, weil sie mich Tag und Nacht heimsuchen. Ich spiele dann wieder und wieder die gleiche Situation durch und diskutiere sie solange mit meinem Mann, bis ich sie verarbeitet habe oder er mir verbietet darüber zu reden. Das hilft mir oft. Es hilft mir, wenn mir von außen jemand mitteilt, wann eine Grenze erreicht ist. Es verärgert mich nicht, sondern löst Dankbarkeit in mir aus.

Ähnlich geht es mir bei Gesprächen, die sich um meine Spezialinteressen drehen. Es ist, als werfe jemand einen Motor in mir an, den ich nicht mehr abstellen kann. Ich kann stundenlang über meine Lieblingsthemen referieren ohne zu bemerken, wann es dem anderen langweilig wird. Ich weiß, dass es gewisse Gesten und Mimik gibt, die darauf hinweisen, aber ich erkenne sie nicht. Erst wenn mein Gegenüber eindeutige Zeichen wie Gähnen gibt oder sich abwendet, nehme ich sie unterschwellig wahr. Verstärkt er sein Verhalten noch, frage ich zunächst vorsichtig nach. Es hilft mir sehr, wenn ich darauf hingewiesen werde, endlich zum Ende zu kommen. Ich überlade mein Gegenüber oft dermaßen mit Informationen, dass er mir beim nächsten Zusammentreffen aus dem Weg geht und ich nicht verstehe, warum. Dann entstehen in mir Schuldgefühle, weil der andere eine Abneigung zu mir empfindet.

Dasselbe passiert, wenn ich zu einer Feier geladen bin, bei der viele fremde Menschen auf mich zukommen. Das ist sehr anstrengend, weil ich sehr aufmerksam sein muss, um nichts misszuverstehen oder falsch zu handeln. Wenn ich die Menschen bei Gesprächen anschaue, bekomme ich nur Gesprächsfetzen mit, weil mich der Blickkontakt sehr anstrengt und die Gestik und Mimik mich vom Zuhören ablenken. Dann reagiere ich oft auf Schlüsselworte und lenke plötzlich das ganze Gespräch in eine völlig andere Richtung. Auf andere wirkt es, als hätte ich nicht zugehört. Sie sind irritiert, und ich bemerke nicht, dass ich einen Gesprächsfluss völlig idiotisch unterbrochen habe.
Später, wenn mein Mann mich darauf aufmerksam macht, bekomme ich ein schlechtes Gewissen. War es ein sehr wichtiges Zusammentreffen bei einem wichtigen Anlass, leide ich an schlimmen Schuldgefühlen und habe das Verlangen, diesen Menschen nie mehr begegnen zu wollen. Ich isoliere mich.

Ich kann diese Dinge nicht abstellen und leide immer unter großem Stress, wenn ich auf wichtige Veranstaltungen muss, die ich nicht vermeiden kann. Dazu gehört jede Art von Geburtstagsfeiern, Beerdigungen, Hochzeiten oder Anlässe durch die Öffentlichkeitsarbeit als Autorin. Es gehören auch persönliche Aufwartungen bei engen Freunden dazu oder karikative Anlässe, bei denen ich mitwirke. Ich lese gerne bei Lesungen, aber die Überwindung, ganz vielen fremden Menschen begegnen zu müssen, setzt mich stark unter Stress. Im Nachhinein war es oft schön, aber ich fühle mich vollkommen erschöpft. Mit vollkommen meine ich vollkommen. Ich meide daher auch große Konzerte oder Stadtfeste.
Ich habe viele Autorenkollegen, Künstlerfreunde und Musikerfreunde und werde regelmäßig von ihnen eingeladen. Doch ich kann nicht hingehen, weil mich das Zusammentreffen mit so vielen fremden Menschen zu sehr stresst.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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8 Gedanken zu „Schlechtes Gewissen und Schuldgefühle

  1. Forscher

    Du bist nicht alleine. Ich wurde auch schon als zu selbstkritisch bezeichnet, und habe schon damit genervt, mich zu entschuldigen, obwohl es nicht meine Schuld war. Selbstkritik ist leider eine Eigenschaft, die der Karriere nicht auf die Sprünge hilft, eher das Gegenteil. Vertuschen und manipulieren, das bringt einen weiter. Leider bin ich so nicht. Ich analysiere mein Verhalten und meine Handlungen auch immer genauestens durch.

    „Ich überlade mein Gegenüber oft dermaßen mit Informationen, dass er mir beim nächsten Zusammentreffen aus dem Weg geht, und ich nicht verstehe warum.“

    Das habe ich auch schon mehrfach erlebt. Freizeitpartner, die ich so zutextete, dass sie nach dem zweiten, dritten Mal plötzlich nicht mehr zur Verfügung stehen wollten.

    Viele fremde Menschen sind auch anstrengend, zumal ich ja nicht Smalltalk.fähig bin und mir häufig der Einstieg fehlt. Habe festgestellt, wenn in der Gruppe ein Pädagoge (z.B. ein Schullehrer) anwesend war, der Gespräche lenken konnte, ging es mir deutlich besser, mit einer völlig fremden Person in Kontakt zu kommen. Das, was man sonst gemeinhin als Eisbrecher bezeichnet, fällt mir in der Regel nicht ein.

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  2. Mike

    Ich kann das alles genau wie beschrieben nachvollziehen.
    Aber sei dankbar, wenn Du einen Partner hast, der Dich unterstützt.
    Ich habe eine Ehefrau, die höchstens noch einen draufsetzt („das kann man doch nicht machen“) bei Sachen, wo ich es im Laufe der Jahre geschafft hatte, trotz meiner ständigen Schuldgefühle mich durchzusetzen…..

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    1. denkmomente Autor

      Vielen Dank für deinen Kommentar, Mike. Es ist immer schwer, wenn der Partner ohne AS die Reaktionen nicht versteht oder die eh schon große Selbstkritik noch verstärkt. Das passiert bei uns auch häufig. Es gibt viele Reibungspunkte. Und so manches Mal stehe ich ziemlich ratlos da. Doch solange die positive Bereitschaft des anderen noch überwiegt, komme ich damit klar. Viele Grüße!

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  3. Imke

    Über Facebook habe ich diesen schönen, treffenden Kommentar und dadurch auch den wunderbaren Blog entdeckt. Vielen Dank dafür.:) In dem, was Du schreibst, erkenne ich mich sehr wieder. Und ich denke, dass es vielen Autisten ähnlich geht. Nicht überraschend, wenn man so häufig „aneckt“ und mit Ablehnung konfrontiert wird und die eigene Wirkung und die Reaktion anderer auf sie schlecht einschätzen kann. Auch meiner Erfahrung nach sind entgegen gängiger Klischees viele Autisten sehr sensibel, machen sich viele Gedanken darüber, was andere von ihnen halten, und leiden unter für sie unerklärlichen negativen, ausbleibenden oder widersprüchlichen Rückmeldungen. Auch eine Sozialphobie entsteht dadurch häufig als Komorbidität, so dass diese (gerade bei Autistinnen häufige) Diagnose oft nicht falsch ist, aber dennoch längst nicht alles erklärt. Als ich Deinen Beitrag bei Facebook teilte, bemerkte eine Leserin, dass diese Problematik oft auch zu einer erhöhten Reflexionsfähigkeit führt, was ich für einen sehr wichtigen Aspekt halte. Aus diesem Grund wissen viele Autisten (ebenfalls entgegen des Klischees) in der *Theorie* oft mehr über Emotionen, Kommunikationsprozesse etc. als die meisten anderen Menschen. Was durchaus nicht nur nutzloses Theoriewissen ist. In ruhigen Situationen, in denen sie sich wertgeschätzt fühlen, kann es sie beispielsweise dazu befähigen, sich anderen wirklich individuell zuzuwenden, teilnehmend zuzuhören und differenziertes Feedback zu geben. Ironischerweise genau das, was sie selbst häufig dringend brauchen würden (jemanden, der jenseits von Klischees und schnellen Antworten Rat gibt), aber sehr selten bekommen.

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