Angst vor Gewalt

Meine Angst vor Gewalt ist immens, das habe ich schon sehr früh bemerkt.

Als die Grundschule begann, musste ich ständig ein Mädchen in der Nachbarschaft abholen, die meine feste Freundin sein wollte und die ich nicht besonders mochte. Außerdem wollte ich keine „feste Freundin“. Ich wollte keinen Menschen um mich, dem gegenüber ich mich verpflichtet fühlen musste. Sie hatte zudem völlig andere Interessen als ich und wurde – was mir am meisten Angst einjagte – von ihrem Vater regelmäßig geschlagen. Sie kam oft mit blauen oder grünen Beinen oder Armen in die Schule und erzählte, sie wäre die Treppe hinuntergefallen. Aber mir erzählte sie im Vertrauen, dass ihr Vater sie, ihre Mutter und ihre zwei Schwestern schlagen würde.
Es war für mich unvorstellbar, dass ein Vater seine Familie prügelte, aber dann zeigte sie mir in der Küche ein „Barometer“, bei dem die Mutter einstellen musste, wie sich die Kinder tagsüber benommen hatten. Je nachdem wo es stand, bekamen sie abends von ihrem Vater Prügel. So etwas hatte ich noch nie gesehen! Diese Familie machte mir große Angst! Ich ging danach diese besagte Freundin nie mehr besuchen.

Als Kind versteht man den Dominoeffekt von Gewalt nicht, aber dieses Mädchen begann mich schon bald ebenfalls zu treten und zu schlagen, was mich vollkommen verwirrte. Sie schubste mich unbegründet von der Schaukel, trat mir gegen den Kopf, wenn wir an der Turnstange herumturnten oder schlug mir ins Gesicht, wenn ich ihren Wünschen nicht nachkam. Dabei lachte sie, als würde es ihr Spaß machen. Ich fand das widerlich, konnte mich aber nicht wehren, denn es war mir unmöglich zurückzuschlagen. Also bat ich sie damit aufzuhören. Als sie meinen mehrmaligen Aufforderungen nicht nachkam, teilte ich es meinen Eltern mit. Doch sie fanden es nicht dramatisch und forderten mich auf, mich „einfach“ zu wehren. Aber so einfach war es für mich nicht. Ich war nicht in der Lage, zu schlagen oder irgendeine Gewalt gegen andere Menschen einzusetzen, konnte nichts dergleichen bei mir als Verhalten abrufen. Das ist noch heute so. Ich konnte nicht einmal zurückschreien oder drohen. Ich glaube, das bemerkte diese sogenannte Freundin. Also begann ich Abstand zu halten und schloss mich in der Pause häufig in der Toilette ein, damit ich Ruhe vor ihr hatte. Diese Situation festigte meine damalige Ansicht, dass eine feste Freundschaft nur Probleme mit sich brachte. Und es schürte meine Angst vor Gewalt, so dass ich diese Zeit nie vergessen werde. Meine Schulwege im Dunkeln während der Winterzeit waren der Horror schlechthin. Ich wuchs in einem Dorf auf, wo es viele unheimliche Orte gab, an denen ich vorbei musste. Meistens rannte ich.

Gewalt macht mir bis heute große Angst. Sobald ich Menschen sehe, die sich aggressiv verhalten, steigt bei mir das Adrenalin an, auch wenn es harmlos ist. Spanische oder italienische temperamentvolle Unterhaltungen sind mir sehr unangenehm, weil ich ständig das Gefühl habe, sie würden alle miteinander streiten.
Schlagähnliche Berührungen erschrecken mich zutiefst, lassen mich nicht nur zurückzucken, sondern regelrecht zurückspringen. Laute Stimmen wirken gewalttätig auf mich. Türschlagen, Streit, schnelle Bewegungen, Wut von anderen Menschen und vieles mehr. Alles was mit hektischen und lauten Bewegungen und Geräuschen zu tun hat macht mir Angst.

1993, als es ein etwas stärkeres Erdbeben in Heinsberg gab, das sich bis Düsseldorf bemerkbar machte, hatte ich Todesängste. Wo andere nur die Schulter zuckten, machte mir dieses unheimliche Geräusch tagelang zu schaffen, mich im Haus auch nur aufzuhalten. Noch heute schrecke ich nachts bei ähnlichen Geräuschen auf und komme für den Rest der Nacht nicht mehr zu Ruhe.

Bereits als Jugendliche interessierte ich mich sehr für Friedensbewegungen, ging auf Demos mit und trat Greenpeace bei. Der Spruch „Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin“, wurde zu einem Logo auf meinen T-Shirts. Ich malte ihn mit einem wasserfesten Stift überall auf meine Schulsachen und begeisterte mich für den amerikanischen Folksänger John Denver, der von Liebe, Natur und Frieden sang und viele Aktionen und Umweltprojekte in dieser Richtung umsetzte.

Ich entwickelte eine regelrechte Abneigung gegen Menschen, die gewalttätige Züge an sich hatten, sei es optisch, verbal, mental oder körperlich. Egal welche Art von Gewalt, ich verabscheue jede Form. Mir fehlt auch jede Form von Reaktion darauf. Ich kann kein Verhalten abrufen, das sich in einer gewalttätigen Situation angemessen einsetzen lässt. Es lähmt mich förmlich. Das ist wohl einer der Gründe, warum ich mich gerne in der Natur aufhalte. Dort wirkt alles friedlich auf mich. Niemand bedroht mich oder fordert mich heraus.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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4 Gedanken zu „Angst vor Gewalt

  1. Ismael Kluever

    Ich kenne das! Bei mir waren es Erlebnisse auf dem Schulhof und mit Kinderbanden in der Nachbarschaft, die mich geprägt haben.
    Für manche scheint ein Quantum Zoff so zum Leben dazuzugehören, so dass sie Konflikte auch dann suchen, wenn sie unnütz sind und zu nichts führen.

    Ich habe aus meiner Aversion gegen gegen Gewalt und Gezänk eine Sensibilität dafür entwickelt, so dass ich schnell erkenne, wenn sich eine aggressive Stimmung aufbaut. Dann kann ich entweder zu schlichten versuchen oder mich rechtzeitig aus der prekären Situation herausziehen. Da sind Autisten, glaube ich, im Nachteil, oder?

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    1. denkmomente Autor

      Vielen Dank für deinen Kommentar, Ismael! Ich versuche auch manchmal zu schlichten, aber ich kann oft nicht beurteilen, wer im Recht ist, weil ich die Ausgangssituation nicht mitbekommen habe. Jede Darstellung hört sich für mich schnell plausibel an. Dann weiß ich nicht, wie ich eine Einigkeit erlangen kann. Mir fehlt die spontane soziale Idee zum Vermitteln. Stunden später weiß ich oft, wie ich es hätte besser machen können. Ich besitze auch keinen Instinkt oder eine Intuition, um in diesen Situationen zu vermitteln.

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  2. Moin

    Yeah. Du bist ein richtiger Held. Lässt das Mädchen erst allein, als sie deine Hilfe gebraucht hätte und wunderst dich dann dass sie ihre Gewalterfahrungen weiter gibt

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    1. Denkmomente Autor

      Ich finde deinen Kommentar ziemlich unangebracht, weil du den Blog nicht verstanden hast. Mit 6 Jahren ist man wohl kaum in der Lage, einen solchen Familienzwist zu lösen, geschweige sich denn einzumischen. Es ging nicht darum, dass Gewalt, Gewalt erzeugt, sondern um die Angst, die ich dabei empfand. Schade, dass du das autistische Denken nicht verstehst, denn als solche kann ich mich noch weniger in soziale Interaktionen einfinden, um solche Probleme zu lösen. Bitte genauer lesen und nachdenken, bevor solche Kommentare geschrieben werden!

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