Inselbegabt oder Fachidiot?

Oh, wie mich der Begriff „Fachidiot“ ärgert!

Schublade auf, Begriff rein, Schublade zu.
Zerlegen wir beide Begriffe des Beitrags in positiv und negativ.

Positiv:

Ich erzähle einmal von einem Menschen, den ich kennengelernt habe. Er ist inselbegabt. Das hat man schon während seiner Grundschulzeit bemerkt. Er hat sich früh für Mathematik interessiert und viel mit Lego-Technik gebaut und konstruiert.
Mathematisch hochbegabt. Fotografisches Gedächtnis in Bezug auf Formeln und Codierung. Blitzschnelle Erfassung von Bau- und Konstruktionsplänen. Fast jeder technischen Herausforderung gewachsen, neugierig, wissensdurstig, perfektionistisch und … sehr sozial! Introvertiert, überpünktlich, immer hilfsbereit, immer zur Stelle, immer lächelnd, immer verlässlich, sich selbst organisierend, nie fordernd, kann nicht nein sagen, kann sich nicht schützen, schluckt Schelten, Vorwürfe und Ungerechtigkeiten. Ein junger Mann auf dem Weg ins Leben. Er befindet sich unter Umständen auf dem Weg in die Stigmatisierung.

Warum?

Weil er mit dieser „Inselbegabung“ als Asperger eine große Last trägt. Er hat überdurchschnittliche Fähigkeiten zu bieten und ist manipulativen Menschen und machtgierigen Firmen schutzlos ausgeliefert, die ihn problemlos benutzen und ausnutzen können, wenn er keine Hilfe bekommt. Würde er nicht unter dem Asperger Syndrom leiden, befände er sich auf dem Weg zum Millionär, nicht wahr? Aber diesen Weg wird er nie beschreiten, weil er kein Millionärsleben anstrebt, sondern einfach nur in Ruhe seiner Arbeit als IT-Spezialist nachkommen möchte. Für ihn ist es Lohn und Brot zugleich, wieder einmal seine eigenen Erwartungen erfüllen zu können. Und die sind wahrlich hoch genug! Der Asperger trägt den Perfektionismus als eigenen Feind im Kopf mit sich herum.

Der besagte junge Mann hat jedoch einen schlauen Weg gewählt: Er hat eine kleine überschaubare Agentur ausgewählt, um seine Fähigkeiten einzubringen. Er hat wenige Kollegen, mit denen er sich verständigen muss und fühlt sich in der überschaubaren Arbeitsatmosphäre sehr wohl. Sein Lohn ist bei weitem nicht so hoch wie bei einer großen Agentur. Dafür ist die Konkurrenz innerhalb des Betriebs geringer. Doch mittlerweile profitiert die Agentur so stark von seinen Fähigkeiten, dass sie zu expandieren beginnt. Der junge Mann hat auch dafür einen Ausweg gefunden: er hat sich ein Homeoffice eingerichtet, um sich dem immer größer werdenden Team nicht täglich aussetzen zu müssen. Das behindert seine Arbeit enorm, weil er immer mehr Geräusche und Bewegungen um sich aushalten muss. Er wird öfters angesprochen und aus seiner Konzentration gerissen. Das kann er nur unter großem Stress aushalten und schürt seine Angst, Fehler zu machen, was zu nahezu unerträglichem Stress führt.

Nun gehe ich einmal in den Negativbegriff eines Inselbegabten, der sich „Fachidiot“ nennt. Ein Fachidiot ist nur in einem bestimmten Bereich sehr gut, dafür in vielen anderen Bereichen eben ein „Idiot“! Dieses Vorurteil ist weit verbreitet. Mir kam dieser Spruch öfters zu Ohren. Definieren wir „andere Bereiche“. Das sind alle Bereiche außerhalb seiner Fähigkeiten. Sie sind oft durchschnittlich bis schlecht ausgebildet. Was stellt man sich darunter vor?

  • Er kann vielleicht nicht einmal seine Kleidung morgens alleine raussuchen.
  • Er kann seine Wohnung nicht in Ordnung halten
  • Er kann seine Papiere nicht ordentlich führen
  • Er kann sich kein vernünftiges Essen zubereiten
  • Er kann der körperlichen Hygiene nicht ausreichend nachkommen
  • Er kann, er kann, er kann … nichts! Außer einer einzigen Sache – eben ein Fachidiot!

Alles falsch!!

Ein Inselbegabter ist kein „Fachidiot“, wie ihn viele NTs gerne betiteln, er ist in sämtlichen Bereichen genauso fähig, sein Leben zu organisieren wie andere. Er zeigt aber auch in manchen Bereichen Schwächen genau wie andere. Die werden jedoch im Zusammenhang mit seiner Begabung gerne abgewogen, um ihn abzuwerten. Aber er besitzt eine Hochbegabung in einem Bereich. Das macht ihn besonders. Darum wird er in der Gesellschaft von vielen beneidet und Eltern mit hochbegabten Kindern, die sich kümmern, erfahren schnell Isolation oder Mobbing. Sie werden sarkastisch als „die wollen wohl was Besseres sein“ betrachtet. Dabei ist es gerade für diese Eltern und Kinder eine große Bürde, mit der Hochbegabung in der Schule und im Leben klarzukommen. Hochbegabte angemessen zu fördern ist sehr, sehr anstrengend und erfordert viel Zeit, Zuwendung und Engagement. So manche Eltern wünschen sich, „normale“ Kinder, um all diese zusätzlichen Forderungen nicht mehr machen zu müssen.

Ich habe vor 20 Jahren als Erzieherin in meiner Kleinkindergruppe einige hochbegabte Kinder entdeckt und die Eltern darauf hingewiesen, wo und wie sie Hilfe bekommen. Damals konnte ich nicht beurteilen, ob es Asperger-Kinder waren, weil ich dieses Syndrom nicht kannte, aber sie waren auffällig. Für mich angenehm auffällig, weil sie eine Neugier und Wachsamkeit im Leben zeigten, die ich sehr mag. Nur die wenigsten Eltern ließen sich auf Hilfe ein, weil sie keine „Fachidioten“ haben wollten. Das bedeutete für viele Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Es gab spezielle Gruppen für Eltern mit hochbegabten Kindern damals in meiner Stadt, die nicht gut besucht waren. Man wollte doch nicht protzen! Also schämte man sich, hielt das Kind zurück, bremste es aus und ließ es in seiner Not, unterfordert zu sein, allein.
Unterforderung kann starke Auffälligkeiten hervorbringen. Nicht selten zeigt es sich durch starkes Desinteresse in der Schule. Dadurch kommt das Kind schnell in den Ruf eines „Dummkopfes“. Es wird herabgestuft und das Desinteresse verstärkt sich. Das Kind kann depressiv werden und schlimmstenfalls Todessehnsüchte entwickeln. Es kann das Kind ebenso aggressiv machen ohne offensichtlichen Grund natürlich, ganz zu schweigen von sozialer Isolation und Flucht in Traumwelten. Man will keine Schuld, also schiebt man alles auf das Kind. Es wäre eben ein Problemkind. Dabei steht vor den Eltern vielleicht der nächste Wissenschaftler für einen Nobelpreis und er würde durch seine Begabung Millionen von Menschen das Leben retten.

Wenn ich heute in meiner Stadt einige dieser „vernachlässigten“ Kinder als Erwachsene treffe, erzählen sie oft vom Scheitern im Beruf, Depressionen, Haut- und Nervenkrankheiten, Psychiatrien und sogar Suizidversuchen. Ich weiß nie, wie ich ihnen begegnen soll. Macht es noch Sinn, nach den Eltern zu fragen, was sie für dieses Kind getan haben? Ich erinnere mich an diese Menschen, soweit es mir möglich ist, an ihre früheren Begabungen, und was aus ihnen geworden ist. Dabei hoffe ich insgeheim, dass diese Erinnerung als Anstoß gesehen wird, sich wieder aktiv damit zu beschäftigen. Das scheint mir der einzige Weg aus der Belastung heraus.
Ist es nicht so, dass man einen Menschen genau dadurch zu einem „Fachidioten“ macht, wenn man seine Begabungen „nicht“ erkennt und fördert?

Wenn Eltern wegschauen und Kinder nicht die Hilfe bekommen, die angemessen ist, dann werden ihre Kinder sehr unglücklich und krank. Daran sollte man immer denken, wenn ein Kind in irgendeine Richtung ein auffällig starkes Interesse entwickelt, was sich von den Interessen anderer abgrenzt. Also: Augen auf! Es gibt überall Hilfe zu finden, man muss sie nur in Anspruch nehmen.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

DSCN3960

Advertisements

5 Gedanken zu „Inselbegabt oder Fachidiot?

  1. Leonora

    Vielen Dank für diesen schönen Beitrag, der auch meine eigenen Gedanken und Erfahrungen sehr trifft. Der Begriff „Fachidiot“ war mir schon immer unsympathisch und drückt meinem Eindruck nach eine große Verachtung Menschen mit ungleichmäßigem Leistungsprofil gegenüber aus. Lieber ist mir da „zerstreuter Professor“ – ein (leider rein männlich konnotierter) Begriff, in dem liebevoller Spott, aber auch Respekt mitschwingt. Dass der Begriff „Fachidiot“ heute häufiger gehört wird, hängt meinem Eindruck nach mit der zunehmenden Entwertung der Stärken von Menschen zusammen, die nicht zum modernen Ideal des kommunikationsstarken, flexiblen und effizienten „Selbstunternehmers“ passen.

    Und ja, eine ambivalente Einstellung Kindern gegenüber, die einerseits schlau, andererseits aber auch „irgendwie anders“ sind, scheint auch mir sehr verbreitet zu sein. Auch aus meiner eigenen Kindheit kenne ich das – größtenteils durchaus wohlmeinend, da meine Eltern beispielsweise der Ansicht wären, dass ein „Stempel“ als „Hochbegabte“ eher hinderlich sein und mich noch stärker zur Außenseiterin machen könnte. Zum Teil bin ich für ihre Skepsis Diagnosen und „Stempeln“ gegenüber auch sehr dankbar, vor allem dafür, dass sie mit mir nie zu einem Kinderpsychiater oder -psychologen gingen. Ich war zwar „anders“, aber problemlos eine gute Schülerin, und kam „mit Hilfe“ (etwa von Erwachsenen arrangierten „Freundschaften“ sowie Erklärungen Sport-, Werk- oder Handarbeitslehrern gegenüber, dass die Unbeholfenheit keine bewusste Dreistigkeit und „Renitenz“ war) aber recht gut zurecht. Da glaubten meine Eltern, eine Diagnose könnte Probleme eher manifestieren. Heute bin ich froh darüber – denn zur damaligen Zeit, wo es generell üblich war, „Andersartigkeiten“ sozial und psychologisch zu erklären, wäre mit Sicherheit *irgendeine* Diagnose, aber definitiv die falsche gestellt worden. Und das hätte vermutlich eine für mich schädliche „Therapie-Karriere“ eingeleitet.

    Andererseits wäre ich jedoch sehr, sehr dankbar gewesen, früher von den wahren Gründen für meine „Andersartigkeit“ und die Gründe für so viele „unerklärliche“ Schwierigkeiten zu finden. Ich bin sicher, das hätte mein Leben in vieler Hinsicht anders verlaufen lassen, da ich viele Blockaden aufgrund von negativen Erfahrungen wohl gar nicht entwickelt hätte. Auch mein „brotloses“ geisteswissenschaftliches Studium und die Weigerung, etwas „Vernünftiges“ zu machen, hätte ich dann besser nach außen vertreten und eher meinen Traum verwirklichen können, in die Wissenschaft zu gehen (möglichst nach Großbritannien, wo ich meinen PhD gemacht und länger gelebt habe). Leider kam die Diagnose zu einem Zeitpunkt, wo alles schon ziemlich „verfahren“ war. Momentan fällt es mir schwer, noch eine Lebensperspektive zu finden, auch, da ich von der Welt der Literatur, der Geschichte und eigener geistiger Arbeit, einem Job, den ich mit intrinsischer Motivation mache und durch den ich auch „passende“ Kontakte und Austausch mit anderen habe, nur schwer Abschied nehmen mag und kann. Leider gibt es in unserer Gesellschaft nur wenige Möglichkeiten des Neuanfangs jenseits des typischen Ausbildungs- und Studienalters. Auch in dieser Hinsicht scheint Deutschland besonders konservativ zu sein. Und Autisten fallen zumeist durch alle „Raster“, zumindest, sofern ihre Stärken nicht in Bereichen mit „Marktwert“ wie der IT liegen.

    Daher ist meine eindeutige Empfehlung, den „gescheiterten“ ehemals „andersartigen“ und eventuell hochbegabten Kindern auf jeden Fall sowohl von dem damaligen Verdacht wie von Autismus und AD(H)S zu erzählen. Das kann eine „Rettung“ sein. Und wenn es dafür aufgrund einer verfahrenen Lebenssituation und mangelnder passender Unterstützung momentan anscheinend zu spät ist, ist es zumindest eine umfassende, nicht implizit schuldzuweisende Erklärung.:) Nur Mut!:)

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. denkmomente Autor

      Vielen lieben Dank für diesen Kommentar. Sehr aufschlussreich und interessant! Übrigens, ich „flüchte“ regelmäßig in andere Länder, wo ich nicht so auffalle. Schon mein ganzes Leben lang. Derzeit lebe ich einige Monate im Jahr an der Südwestküste Englands… 😀 Viele Grüße!

      Gefällt mir

      Antwort
      1. Leonora

        Oh, beneidenswert … 😉 An der Südwestküste war ich auch schon, wenn auch „nur“ für einen kurzen Urlaub vor etlichen Jahren. In Hampshire war ich zwei Monate bei einem Forschungsaufenthalt (in Jane Austen Country 😉 ), wo ich eine herrliche Zeit hatte. Ansonsten habe ich in Nordengland gelebt, was ich auch sehr mag.:) Und ja, die Erfahrung, im Ausland weniger aufzufallen, kenne ich auch sehr gut. Sowohl von meinem Studium in UK wie von meinem Jahr als Erasmus-Studentin in Italien. In beiden Fällen fiel es mir wesentlich leichter, Kontakte zu knüpfen, als an meiner „Massenuni“ in Deutschland (ich gehöre nicht zu den Autisten, die nur ihre Ruhe wollen – zwar brauch ich viel Zeit für mich allein, wünsche mir aber auch „passende“ Kontakte). Und häufig merkte ich, dass sich die Situation für mich negativer entwickelte, sobald andere Deutsche hinzukamen. Gerade im Ausland sahen die mich interessanterweise oft ausgesprochen kritisch. Auch von anderen Autisten hörte ich schon, dass sie sehr ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

        Dir auch viele Grüße.:)

        Gefällt 1 Person

  2. Flower

    Ich hoffe, ich wirke nicht zu aufdringlich, weil ich gerade in relativ kurzer Zeit mehrere Beiträge kommentiere – ich „fresse“ gerade sozusagen diesen Blog, den ich gestern erst entdeckt habe. Und manchmal kann ich mich schlecht daran hindern, meinen Senf dazuzugeben, vor allem beim Thema Hochbegabung.
    Als Kind wurde ich positiv auf intelektuelle Hochbegabung getestet. (Das plus „Schüchternheit“ wurden dann übrigens zur Erklärung meiner sozialen Probleme.) In meinem Fall handelt es sich um eine allgemeine Hochbegabung, wenn auch mit höheren Fähigkeiten im verbalen Bereich. Sehr „praktisch“ – oder auch nicht – für eine Asperger-Autistin, denn Hochbegabung kann das Asperger-Syndrom überlagern und verstecken. Ich kann ziemlich schnell denken und analysieren, so schnell, dass mein Gegenüber die Verzögerung kaum merkt…

    Ich möchte allerdings darauf hinweisen, dass der Begriff „Inselbegabung“ normalerweise nicht auf Hochbegabte angewendet wird, sondern er bezieht sich auf Menschen, die eine ausgeprägte Begabung in einem sehr speziellen Gebiet zeigen, in allen anderen Bereichen aber dem Durchschnitt entsprechen oder sogar darunter liegen. Eine mathematische Begabung ist bereits sehr allgemein. Der Beurteilung des Wortes „Fachidiot“ kann ich aber nur zustimmen, es ist schlicht eine Beleidigung.

    Die Erfahrung, dass im Ausland vieles leichter wird, kann ich übrigens bestätigen. Bei mir funktioniert das auch mit Deutschen, die viel in einem internationalen Umfeld arbeiten und leben. Da gehen viele „Seltsamkeiten“ einfach in den allgemeinen kulturellen Unterschieden unter.

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. Denkmomente Autor

      Keine Sorge, Flower, es ist total in Ordnung, dass du dich gerade zu mehreren Beiträgen meldest. Irgendwie bewegen sie ja auch manchmal persönliche Anliegen.
      Vielen Dank für deine Ergänzung und den Kommentar. Viele Grüße!

      Gefällt mir

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s