In jedem gibt es eine Welt, die ein anderer nicht sieht

Diesen Spruch schreibe ich oft als Widmung in mein erstes Buch, weil ich ihn so passend für den Protagonisten finde.

Jeder Mensch, ob mit Autismus oder ohne, lebt in einer eigenen Welt.

Schade, dass wir unsere Welten nicht sehen können. Dann gäbe es keine Verschleierung und keine Tabus mehr. Es gäbe mehr Eigenkontrolle, Disziplin und aufrechtes Handeln. Man könnte nicht mehr manipulieren, vertuschen und lügen. Dann würde ich sofort erkennen, wer mir wohl gesonnen ist und wer nicht.

Leider habe ich nicht den Instinkt, um bei der Begegnung mit einem fremden Menschen festzustellen, ob er mein Freund ist oder nicht. Ich gehe auf jeden, der mir begegnet, offen zu und denke nur das Beste von ihm. Ich suche sofort nach guten Eigenschaften und lenke das Gespräch darauf.
Das ist grundsätzlich eine gute Einstellung, aber dadurch bin ich unvorsichtig und zu schnell vertrauensselig. Ich erzähle zu viel von mir und antworte immer ehrlich, wenn man mich fragt. Mir fehlt die Strategie, mich erst einmal bedeckt zu halten und den anderen Menschen näher kennenzulernen. Da ich meist von mir ausgehe, denke ich von dem anderen ebenso, dass er ehrlich ist. Aber leider ist dies nicht immer der Fall. Menschen, die durch List und Manipulation meine Sympathie erlangen wollen, haben ein leichtes Spiel mit mir. Mir fehlt die Intuition dies zu erkennen. Dadurch falle ich schnell auf die herein, die mich ausnutzen oder benutzen wollen. Hinzu kommt meine Schwäche „nein“ sagen zu können. Mit anderen Worten: Ich bin ein gefundenes Fressen für Menschen, die auf fremde Kosten zum Erfolg gelangen oder ihre Ziele erreichen möchten. Ich bin auch ein gefundenes Fressen für bequeme und faule Menschen. Es dauert oft ziemlich lange, bis mir die Hutschnur platzt. Ich bin nicht in der Lage, meinen Schutzschild rechtzeitig auszufahren und dem anderen Einhalt zu gebieten. Entweder ich ertrage stillschweigend die Einforderungen oder mir platzt der Kragen – total! Dann aber sehr konsequent. Ich wende mich von diesen Menschen einfach ob, ohne mit ihnen zu diskutieren, weil ich weiß, dass ich mich bei ungerechten Vorwürfen nicht wehren kann und somit auf verlorenem Posten befinde.

Empathie, Intuition und Instinkt, das sind drei Eigenschaften, die mir in Hinblick auf fremde Menschen und Situationen fehlen. Es sind unsichtbare Eigenschaften, deswegen werden sie von außen nicht wahrgenommen. Aus diesem Grunde werde ich auf den ersten Blick oft für naiv oder dumm gehalten. Das Merkwürdige ist, dass meine Empathie in Bezug auf hilfsbedürftige Menschen und Tiere, sogar die Natur, extrem stark ausgeprägt ist. Ich kann mich sehr stark in Leidenssituationen hineinversetzen und helfen. Vielleicht deswegen, weil ich oft selbst diese Gefühle habe. Ich kann mitfühlen und handeln. Das ist nicht der Fall, wenn es um fremde, neue, also unbekannte Gefühle geht.

Die Intuition und der Instinkt in Bezug auf mich sind ebenfalls extrem stark ausgeprägt. Es ist schwer zu erklären, aber ich werde es versuchen.

Wenn es um meinen eigenen Entscheidungsbereich in meinem Leben geht, kann ich viele Dinge schon Jahre vorausahnen. Das ist oft merkwürdig. Die Sache mit den Büchern zum Beispiel. 1995 sagte ich, dass mein erstes Buch eines Tages ein „Goldstück“ in meinem Leben sein würde. Niemand wollte es glauben. Alle haben mich mitleidig belächelt. Sechzehn Jahre später ist genau dieses Buch als eBook Bestseller ausgezeichnet und für einen Autorenpreis nominiert worden. Es war das Buch, das mir die Tür zur Schriftstellerei geöffnet hat. Ich habe es immer gewusst, dass das Schreiben eines Tages mein Lebensinhalt sein würde.

Ein weiteres Beispiel:
Wenn ich Krankheiten oder Beschwerden in meinem Körper verspüre, erweist sich dieses Gefühl ausnahmslos als richtig. Auch darüber habe ich bereits geschrieben. Ich habe seinerzeit meinen Krebs sofort gespürt, und auch, als man Krebs bei mir vermutete, es aber keiner war, hatte ich die richtige Intuition. Ich weiß genau, wann ich mich um meine körperlichen Beschwerden kümmern muss und wann ich einfach nur abwarten muss, bis sie verschwinden. Ich gehe sehr selten zum Arzt, meist nur für Kontrolluntersuchungen.
Ich benötige auch kein Zuckermessgerät bei meiner Diabetes, da ich die Höhe des Zuckers in meinem Körper fast exakt spüre. Glauben tut mir das niemand. Messungen beweisen es. Ich nutze das Gerät nur, wenn die Werte für die Dokumentationen meiner Diabetes verwendet werden.
Ich spüre auch bestimmte Situationen auf mich zukommen. Zum Beispiel, wann ich sehr wichtige Entscheidungen treffen werden oder wann ein Jahr beginnt, in dem es große Veränderungen geben wird. Ich weiß nie, was und wie es passieren wird, aber meine Prognosen sind immer richtig. Wenn ich etwas theoretisch plane, setze ich es ziemlich sicher in die Tat um. Ich lasse selten von Dingen ab, die ich mir vornehme, auch wenn ich noch gar nicht weiß, ob sie sich überhaupt umsetzen lassen.

Wenn ich in meinen Büchern bestimmte Themen aufgreife, so sind es meistens Themen, die erst zehn Jahre später wirklich aktuell werden, nachdem ich sie längst bearbeitet habe.
Ich spüre auf Entfernung, wenn es meinen Kindern schlecht geht. Ich spürte auch, als es meiner Mutter schlecht ging, während ich in den USA war. Ich spüre bei engen Freunden, die mir sehr wichtig sind, wenn es ihnen schlecht geht. Frage ich nach, erhalte ich den Beweis.
Das sind Gefühle, die mir manchmal Angst machen, aber sie sind da.

Es passiert oft, dass ich irgendwelche Dinge beginne, bei denen ich nicht genau weiß, warum ich es tue, ich es aber trotzdem tue. Nach einiger Zeit zeigt sich plötzlich, dass es eine durchaus wichtige und bedeutungsvolle Sache in meinem Leben ist. Durch diese Beiträge zum Beispiel, lerne ich mich viel besser kennen, das heißt, ich beschäftige mich plötzlich mit Gefühlen und Gedanken, die ich sonst nie in mir abrufen würde, weil ich keinen Grund dafür sähe. Schreiben bedeutet für mich also Selbsttherapie. Ich lerne meine Grenzen kennen und finde eine Form, mich mitzuteilen.

Als ich letztes Jahr das dringende Bedürfnis verspürte, alleine nach England zu reisen, wusste ich nicht warum und was auf mich zukommen würde. Vollkommen irrational. Ich tat es trotzdem. Ich wusste nicht, dass dort meine Zweitheimat auf mich wartete, zu der ich flüchten kann, wenn es mir schlecht geht. Ich fand dort eine Umgebung und eine Welt vor, die mich vollkommen zur Ruhe kommen lässt. Das brauche ich ab und zu um aufzutanken.

In all diesen Richtungen gibt es sehr merkwürdige Zusammenhänge zwischen Empathie, Instinkt und Intuition. Auf mich selbst gerichtet sind sie sehr stark ausgeprägt, aber fremden Menschen und Situationen gegenüber existieren sie kaum. Deswegen kann man aber nicht sagen, ich besäße diese Eigenschaften nicht.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)
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5 Gedanken zu „In jedem gibt es eine Welt, die ein anderer nicht sieht

  1. Forscher

    Im ersten Teil erkenne ich mich eins zu eins wieder. Das hat mich grad beim Lesen richtig berührt, weil ich bisher noch niemand getroffen habe, der auch so ‚vertrauensselig‘ ist, und natürlich ist das ein Problem, wenn man zu viel von sich preisgibt, auch im Internet, und das dann ausgenutzt wird. Auch ich kann mich in hilfsbedürftige Menschen gut hineinversetzen und bin grundsätzlich eher von der selbstlosen Natur. Schon als Studienvertreter erreichte ich Verbesserungen für Studienkollegen in einer Sache, von der ich selbst nicht einmal betroffen war. Ich habe da vollkommen uneigennützig gehandelt. Leider wird dieses Denken oft ausgenutzt.

    Das mit der Intuition ist recht interessant. Ich meide Ärzte auch so lange es geht, allerdings auch, weil in den meisten Fällen außer den Standardrezepten keine Untersuchung erfolgt, und ich mir die Medikamente genauso gut selbst gleich in der Apotheke holen kann, ich weiß oft gleich, was mir fehlt, habe meine Hausmittel, und erst dann, wenn dies nichts mehr nützt, gehe ich zum Arzt.

    Ich glaube auch zu spüren, dass etwas anderes dahinter steckt, wenn jemand plötzlich nur herummeckert oder exzessiv über ein bestimmtes Thema schimpft, bisher lag ich damit immer richtig. Umgekehrt glauben andere, ich wäre bloß ein ständigerer Meckerer, aber dass sich dahinter ein tiefsitzender Frust über etwas ganz anderes verbirgt, sehen sie nicht, bzw. dass manches nicht Meckern ist, sondern dass ich an wirkliche Verbesserungen denke.

    Und was Langzeitintuition betrifft: Ich habe sehr früh, in einer Zeit exzessiver Internetnutzung, die Gefahren der fehlenden Mimik/Gestik/Tonlage erkannt, wenn Menschen in Chats, Foren, etc… in Streit geraten und unflätig werden. Die Entfremdung voneinander durch Smartphonenutzung, wenn Menschen auf ihrem Sitzplatz nur in ihr Handy schauen, und etwa in den Öffis nicht bemerken, wenn sich ein gehbehinderter Mensch setzen will. Die zunehmende Legasthenie, weil man sich in Chats und in Kurztexten regellos ausdrückt, was sich jetzt in von Fehlern strotzenden Bewerbungsschreiben bemerkbar macht. Das alles sah ich bereits vor vielen Jahren, und wurde dafür oft belächelt und als Kulturpessimist abgestempelt. Jetzt beweisen wissenschaftliche Studien, dass meine Ahnungen richtig waren. Meine Beobachtungen habe ich auf meinem Literaturblog zusammengefasst: http://literarische-ecke.blogspot.co.at/2013/08/kulturpessimismus-ja-aber.html

    lg, Forscher und Vielleser und Vielschreiber

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  2. poeticangel33

    Auch ich schliesse mich Deinen (Ihren) Worten bis auf’s kleinste Detail an. Ich trage seit meiner Kindheit Vorahnungen, grosse Emphatie und Sensitivität in mir. In meinem Blog ist ersichtlich wie und über was meine liebe Seele zu mir (uns allen) spricht. Ich war immer schon anders als meine Mitmenschen und verzeihe immer wieder und öffne mein Herz. Zeit meines Lebens hatte ich mich komplett verschlossen und all das Schöne gänzlich verlernt und war geradezu verhärmt. Doch ich begann dieses Jahr im April meine Gedichte (welche ich seit meinem 11 Lebensjahr schreibe) bei Facebook auf einer sspeziellen erstellten Seite zu veröffentlichen. Seitdem schreibe ich täglich stelle auch immer wieder fest das man mich zu den richtigen Menschen (Seelen), oder Textabschnitten führt, da ich Worte, welche ich somit wieder finde, bereits in meinen Zeilen verfasst habe und dafür bin ich ewig dankbar und egal wie hart mein Weg auch war, ist oder evtl. noch sein wird, kommt es auf meine eigene Betrachtung meines Seelenprozesses an und ich lasse mich nie mehr von meinem erleuchteten Weg abbringen. Gottes Licht und Liebe für dich und alle anderen ❤ 🌈 ❤

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    1. denkmomente Autor

      Vielen Dank für diese offenherzige Antwort! Ja, das Schreiben ebnet für viele plötzlich den Weg, besser im Leben klarzukommen, denn man hat als „Anders-Mensch“ so vieles in seinen Gefühlen aufgestaut, was man gerne mitteilen möchte, es aber irgendwie nicht kann. Über schriftliche Worte funktioniert es plötzlich. Und das ist wunderbar. Gott segne dich!

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