Asperger und die Welt der zwei Sprachen

Da jeder Asperger seine Eigenarten hat, ist es auch für mich nicht immer einfach, damit klar zu kommen. Ich lebe in der Welt der zwei Sprachen. Asperger verständigen sich anders als Menschen ohne Autismus. Das ist schwer zu erklären.

Wenn ich einem Asperger missverständlich antworte, erlebe ich zwei Reaktionen: Entweder ich höre über lange Zeit nichts mehr von ihm und gebe ihm die Zeit, erst mal zu reagieren, muss aber auch immer wieder mal nachfragen, was vorgefallen ist, um die Chance zu bekommen, das Missverständnis aufzuklären und mich zu entschuldigen. Oder ich bekomme die volle Ladung seiner Wut ab, wobei ich mich fragen muss, ob der andere vielleicht Recht damit hat und ich aufgrund meiner mangelnden Empathie einen fatalen Fehler begangen habe. Dass die Schuld bei mir liegt. Ich muss objektiv bleiben.
Beides habe ich erlebt. Anfangs war ich sehr verwirrt, aber je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr erkannte ich eine Form der Aufrichtigkeit dahinter, die ich sehr schätze, weil ich dadurch mein Gegenüber besser einschätzen lernte und mich sicherer fühlte. Ich habe bemerkt, dass ich im Grunde genauso gestrickt bin. Doch ich war es nicht gewöhnt, plötzlich der Sprache der Asperger zu begegnen, weil ich bis vor drei Jahren keinen kannte und nur in der Sprache der NTs lebte.

Der Kontakt zu immer mehr Aspergern kommt durch diese Beiträge und meine Facebook-Seite. Seitdem ich mich entschieden habe, mit all meinen Problemen als Autistin an die Öffentlichkeit zu gehen, um ein besseres Verstehen untereinander zu ermöglichen, werden es täglich mehr. Das gefällt mir gut, denn dadurch beginne ich mich zu reflektieren, besser kennenzulernen und optimaler mit meinen Schwächen und Stärken umzugehen. Mir fällt auf, dass mir viele Asperger sehr respektvoll begegnen, so, wie ich es mir immer von allen Menschen gewünscht habe. Und dass ich selbst so eine Form des Respekts erlerne, die ich bisher nicht zeigen konnte, denn in meinem bisherigen Leben wurde nach solchen Eigenschaften wenig gefragt. Es hieß oft „friss oder stirb“ und nicht „bleib behutsam, hab Verständnis und höre mir zu“.

Ich lernte bereits als Kind den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge kennen, nur anwenden mochte ich die Lüge nicht. Es machte mich missgelaunt, störrisch, ich schrie herum und zog mich danach in mein Zimmer zurück, um allein zu sein. Nur dort konnte ich den Stress abbauen, indem ich mich mit Dingen beschäftigte, die mich entspannten. Da draußen war oft eine falsche Welt für mich. Doch da meine Wahrnehmungen und Empfindungen immer von denen anderer abwichen, fühlte ich mich „falsch“. Man glaubte mir oft nicht, wenn ich die Wahrheit erzählte oder mich wehrte. Es klang für die anderen zu unerzogen, dumm, naiv oder blöd. Auf jeden Fall wurde mir recht schnell klar, dass das Leben nur mit kleinen oder großen Lügen und Notlügen zu bewältigen war, wenn ich Ruhe haben wollte. Wenn ich die Wahrheit sagte, gab es meist Ärger, den ich vermeiden wollte. Also lernte ich im Laufe der Zeit eine andere Art der Kommunikation, die von meiner natürlichen komplett abwich. Ich lernte, Dinge zu sagen, die ich nicht wollte, und Sachen zu machen, die mir nicht gefielen. Wehrte ich mich, bekam ich Ärger.

Ein Beispiel: Als Kind wollte ich meiner Tante etwas besonders Schönes schenken, weil ich sie sehr mochte, hatte aber kein Geld. Meine Oma schenkte mir einen wunderschönen Engel aus Leinengewebe für meine Tante und sagte mir, ich solle es nicht weitersagen, sonst wären die anderen böse. Ich solle sagen, ich hätte das Geld dafür bei ihr verdient und ihn davon für meine Tante gekauft. Ich tat es, und siehe da, ich bekam keinen Ärger. Alle freuten sich. Viele Jahre später erzählte ich die Wahrheit und bekam zu hören: „Man schenkt Geschenktes nicht weiter“, und schon fühlte ich mich denunziert. Meine Oma kannte sich mit der Strategie der normalen Verschleierung, also der Sprache vieler Menschen, aus. Als Kind hätte mich dieser Satz sehr wütend gemacht, weil ich ihn nicht verstanden hätte. Aber er hätte mich auch unendlich traurig gemacht, weil ich es gut meinte und niemand meine ehrliche Absicht dahinter verstanden hätte. Also lernte ich anhand solcher Hinweise und Tipps, wie man geschickt lügt, seine Ruhe hat und gemocht wird. Es gibt unzählige Beispiele, ob Händegeben, was ich nicht wollte, oder freundlich „ja“ sagen, obwohl ich „nein“ meinte, und vieles mehr. Ich lernte, dass ich mir durch dieses Verhalten viel Ärger vom Hals halten konnte. Man brachte mir bei, um des lieben Friedens willen immer nachzugeben, obwohl ich stocksauer war. So begann ich mich im Laufe der Zeit zu einem Wesen zu verbiegen, das ich nicht war. In mir drin tobte der Krieg der Lüge, aber nach außen durfte ich nur lächeln. Ich fühlte keine Balance mehr in mir, weil ich immer weniger machen durfte, was mir gefiel und guttat. Tat ich es dennoch, folgte die Sanktion auf den Fuß. Ich hatte mit Schelten, Abneigung und Vorwürfen zu kämpfen. Alles Dinge, gegen die ich mich nicht wehren kann. Also verbog sich meine ganze Persönlichkeit zu einer Person, die nur noch funktionierte.

Warum war das so?

Es waren der Stress und der Ärger, denen ich nicht gewachsen war, wenn ich meine Meinung durchsetzen wollte. Allzu oft erfuhr ich so starke Gegenwehr, dass ich in den Wald lief und weinen musste, weil es meine Weltanschauung völlig durcheinander brachte. Ich hörte wohl das Wort „Wahrheit“, lernte aber damit etwas völlig anderes zu verbinden. Wahrheit begann für mich Verschleierung zu werden. Und Verschleiern konnte ich schon immer schlecht. Man konnte mich als Kind immer gut aushorchen, weil ich auf jede Frage eine ehrliche Antwort gab, obwohl ich sie besser nicht gegeben hätte. Ich war und bin immer noch ein miserabler Stratege. So war ich ein gefundenes Fressen für neugierige Nachbarn, wenn sie etwas über unsere Familie erfahren wollten. Ich empfand diesen neugierigen Menschen gegenüber immer eine große Antipathie. Sie lockten mich mit Süßigkeiten, die sie mir dann nicht gaben, und Versprechen, die sie nicht einhielten. Irgendwann war ich soweit, dass ich nicht mehr vor die Türe ging (außer zur Schule), damit ich nicht auf diese neugierigen Leute traf.

Das System setzte sich in meinem Leben fort. Während meiner Ausbildung wurde ich das Mobbingopfer zweier Kolleginnen im Kindergarten. Dies war für mich vollkommen unverständlich, weil gerade bei der Kindererziehung Freundlichkeit und Offenheit an der Tagesordnung sein sollten. Ich kam neu hinzu und hatte wohl jemandem die Stelle streitig gemacht. Als die ersten Anzeichen des Angriffs stattfanden, suchte ich das Gespräch zur Leitung, doch auch von dieser Stelle bekam ich keine Unterstützung. „Ellbogen“ war angesagt, den ich nicht hatte. Nach vier Monaten verließ ich die Stelle und hatte mit keinem von meiner Kollegen je wieder Kontakt.
Ich beherrschte die Sprache der Menschen, die in der Welt zurechtkamen, immer noch zu wenig. Also verbog ich mich nach diesem Vorfall noch mehr.

Das System der Verbiegung meiner Persönlichkeit fand ein Ende, als ich 48 Jahre alt war. Es war mein erster großer Zusammenbruch, der sich über ein ganzes Jahr erstreckte. Er war furchtbar, aber es war der Weg aus dem Dilemma heraus, in dem ich mich befand. Ich hörte von dem Asperger Syndrom und fand mein wahres Ich wieder. Ich erkannte die Sprache, die ich einst gesprochen hatte, und die Art und Weise, die Welt wahrzunehmen und zu betrachten. Ich lernte andere Asperger kennen, mit denen ich endlich in der Form kommunizieren konnte, die ich verstehe.
Doch ich muss an dieser Stelle auch von einigen Freunden ohne Autismus in meinem Freundeskreis sprechen, die mir aufrichtig, immer freundlich und gut gesonnen begegnen. Ich nenne sie „friends for life“ genau wie mittlerweile einige Asperger. Bei mir sind alle willkommen, die eine klare Sprache sprechen. Manchmal ist es am Anfang nicht leicht, einen Konsens zu finden, aber ich finde mittlerweile immer schneller heraus, wer mir wohl gesonnen ist und wer nicht.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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5 Gedanken zu „Asperger und die Welt der zwei Sprachen

  1. Forscher

    Ja, Ellenbogenmentalität ist eine Eigenschaft, die uns leider nicht in die Wiege gelegt wurde. Ich kann mich auch schwer verstellen, und wenn ich schlecht gelaunt bin, kann ich das nicht überspielen. Umgekehrt ist gute Laune durchaus ansteckend. Intrigieren und manipulieren liegt mir gar nicht, und Idealismus wird nicht gerne gesehen. Ich bin auch niemand, der sich einfach fügt, wenn er Missstände sieht. Der Drang zur Perfektion, zumindest aber zur Verbesserung, ist immer da. Wer sich nie verbessern will, hört auf, gut zu sein. Sowas wird aber leider eher als Querulantentum bzw. Illoyalität gesehen, obwohl man nicht egoistisch, sondern an alle denkt, wenn man Abläufe effizienter gestalten will.

    Rudy Simone hat das wunderbar in ihrem Ratgeber „Asperger’s on the job“ beschrieben (S. 20 ff.)

    „A person with AS may also be accused of complaining a lot, and of being critical. Therein lies the genius of Asperger’s. We are perfectionists.[…] We probably will be thinking about the problem or situation that needs improving rather than the effect of our words on others. If you point out to your AS employee that he/she complains a lot they will probably be shocked, for never in their mind are they complaining – they are trying to find ways of making things better and probably not just for themselves, but for everyone else as well. They think of themselves as proactive, while complainers are those who never do anything about what they critique. They may also be hurt and suprised at how they are being misunderstood. Since it is obviously quite clear to them what their intentions are, they think you would understand as well. They will be disappointed in themselves as well for not being clearer“

    Und als Titelanreißer des Kapitels: „We will throw our own potential popularity out of the window to promote our ideas of improvement“

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    1. denkmomente Autor

      Vielen Dank mal wieder! Ich hoffe, es ist für dich okay, wenn ich den Textausschnitt von Rudy Simone als Info und Anregung auf meine Denkmomente-Facebookseite poste. Ich finde es toll, wie aufgeschlossen man sich in diesen Blogs mittlerweile austauschen kann! So langsam kommen immer mehr tolle Menschen ins Gespräch… Ziel erreicht, letztendlich auch Dank dir! Vielen Dank dafür. Viele Grüße, Marion

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  2. Forscher

    Ja klar, gerne! Die Lektüre war eine der besten bisher nach dem Standardwerk von Tony Attwood, und der Autobiographie von Gabrijela Mecky Zaragoza – Meine andere Welt. Mit Autismus leben. Mich freut es auch sehr, dass wir uns so gut austauschen können 🙂 Lg, Forscher

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