Brückenbauen

Es ist mir durch die vermehrte Kommunikation mit NTs etwas sehr Wichtiges und Richtungsweisendes aufgefallen. Angeregt durch ein Gespräch in meinem Blog „Vereinsamung“ kam es zu dem Thema „Brückenbauen“. Sehr interessant!

Wenn wir alle es schaffen, ob mit Asperger Syndrom oder ohne, Brücken zueinander zu bauen, wäre es ein großartiges Gefühl für alle, wir könnten viel besser miteinander leben, arbeiten und uns begegnen. Eine Vision. Keine Illusion. Visionen können eintreffen, Illusionen nicht. In der Vision „Brückenbauen“ steckt viel Hoffnung. Zumindest für die, die Brückenbauen möchten. Und sie hat eindeutig Erfolgspotential.

Zunächst ist mir aufgefallen, dass wir alle an dem Thema, uns besser zu verstehen, arbeiten. Damit meine ich, die Aussagen und Reaktionen besser zu interpretieren. Besser zuzuhören und angemessener zu reagieren.
Dass ich als Asperger oft mehr Zeit benötige als andere, um neue und soziale Interaktionen zu verdrahten und zu reagieren, habe ich bereits in einigen Blogs erwähnt und werde es immer wieder in verschiedenen Beiträgen zur Sprache bringen. Aber ist es umgekehrt nicht genauso?

Mir ist aufgefallen, dass mich viele Menschen ohne Autismus erst nach einer ganzen Weile begreifen, dabei teile ich vieles mit. Wir reden also in zwei Sprachen und verständigen uns zwischen den Zeilen. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich verständlich für andere ausdrücke, genauso, wie andere sich nicht verständlich für mich ausdrücken. Sind wir nicht beide an dem Punkt angekommen, dass wir den Worten des anderen mehr Aufmerksamkeit schenken müssen? Ich denke, in spontanen und unerwarteten Gesprächen, die nicht die Spezialinteressen des Aspergers ansprechen, ist es meist nur den NTs möglich sofort zu antworten. Der Asperger benötigt oft länger und traut sich meist nicht, sich die Blöße zu geben dies mitzuteilen, weil er nicht als naiv oder dumm dastehen möchte. Oder er ist stigmatisiert. Doch wenn der andere es nicht weiß, wie soll er dann ahnen, dass sein Gegenüber ein Problem damit hat? Also muss der Asperger sich mitteilen, damit der andere überhaupt die Chance bekommt Verständnis aufzubringen. Umgekehrt ist es genauso. Wenn der NT eine Antwort bekommt, die er als nicht angemessen oder verwirrend empfindet, dann sollte er nicht mit noch komplizierteren Argumenten nachsetzen, sondern mitteilen, dass er die Reaktion des anderen gerade nicht verstehe. Damit bekommt der Asperger die Gelegenheit, sich erneut und vielleicht adäquater zu äußern.

Das klingt so traumhaft schön, dass es nie wahr werden wird. Ein Spruch sagt: Alles, was zu wunderbar schön klingt, kann nicht der Wahrheit entsprechen.
Ein Quäntchen Wahrheit steckt wohl aber doch darin, eben die Hoffnung, dass es in Zukunft immer mehr Menschen auf dieser Welt geben wird, die „Brückenbauen“ wollen.

Der NT benötigt also genauso viel Zeit und Geduld, den Asperger zu verstehen wie umgekehrt. Nur das direkte Gespräch bleibt noch eine Hürde, die direkte Konfrontation. Damit hätte man erst einmal eine gemeinsame Basis. Beide müssten sich diese „Schwäche“ offen eingestehen. Es gibt keinen Klügeren und keinen Dümmeren. Ich glaube, dieses Denken ist genau das, was Brückenbauen erst ermöglicht. Es darf niemand von „seiner Wahrheit“ ausgehen, weil es keine objektive Wahrheit gibt. Es gibt nur eine Verbindung wie ein Kabel, bei dem sich beide Enden miteinander verbinden müssen, um einen Kontakt herzustellen. Jeder muss ein Stück weit dazu beitragen. Jeder sollte sich bemühen, den anderen in seiner Haltung zu verstehen.

Wenn zwei Menschen an einem Fluss stehen, der eine auf der einen Seite, der andere auf der anderen, dann sehen beide den gleichen Fluss und doch haben sie einen völlig anderen Blick, wenn sie zum Ufer hinüberschauen.

Grundlegend fürs Brückenbauen ist das Signal, es auch zu wollen und den anderen erst einmal so zu akzeptieren, wie er ist. Das gilt auch für Asperger, die sich dem anderen gegenüber genauso verschließen können wie umgekehrt. Dies muss durchbrochen werden. Das ist der erste Schritt. Wenn jeder vom anderen das Gefühl bekommt, ernst und wichtig genommen zu werden, fühlt es sich wie eine gut geteerte Straße an, auf der beide weiter miteinander gehen können.

Schon alleine das Gefühl signalisiert zu bekommen, dass man mich mag und annimmt, öffnet bei mir Türen. Meine Kuppel (emotionaler Rückzugsort, Isolation) wird durchbrochen. Ich lasse die Tür am Anfang nicht offen stehen, aber ich lehne sie an, so dass ein erster Lichtschein durch sie hindurch fällt. Nun liegt es an der weiteren Vorgehensweise, sich gegenseitig Interesse zu bekunden, den anderen verstehen zu wollen. Die Tür öffnet sich weiter. Freundliche und konstruktive Mitteilungen werden von mir sofort positiv aufgenommen. Dann kann ich auch eine unangenehme oder verwirrende Nachricht oder Mitteilung mit einer gewissen Gelassenheit verarbeiten. Weiß ich, dass der andere mir genügend Zeit zum Reagieren gibt, empfinde ich es als angenehm. Werde ich gedrängt, breitet sich ein negativer Zustand in mir aus und ich verbinde mit dieser Person Stress.
Ich weiß natürlich, dass ein bestimmter Stress zum Miteinander-Auskommen dazugehört, doch wiederholt sich der Stress zu oft, belege ich diese Person mit negativen Gefühlen, was bis zur totalen Ablehnung führen kann. Passiert dann ein Vertrauensbruch, lösche ich diese Person, weil sie meine Gefühle derart aufwallen lässt, dass ich tagelang nicht mehr meinen alltäglichen Aufgaben nachkommen kann. Ich empfinde sie als Feind.

Aber ich möchte hier vom Brückenbauen schreiben, nicht von dem Gefühl, es nicht zu schaffen. Dennoch denke ich, es ist für interessierte Menschen ohne Autismus wichtig zu wissen, wie der Vorgang – zumindest bei mir – funktioniert und wie sich ein Kontakt nicht gestalten sollte.

Ist die erste Brücke zu einem Asperger gebaut, was beide hoffentlich glücklich macht, hat der Kontakt ein erstes Fundament bekommen. Nun heißt es sich gegenseitig zu fragen „Was wünschst du dir von mir (in Bezug aufs Verhalten)? Was macht dir am meisten zu schaffen bei einem Kontakt?“ Das sind grundlegende Informationen, die für beide Seiten wichtig sind, denn auch ich möchte gerne erfahren, wie der andere sich den Kontakt vorstellt und wovon er sich verletzt fühlt. Das hilft mir Empathie, für den anderen zu entwickeln und mich sicher zu fühlen. Leider vergessen wir ständig, uns diese Fragen zu stellen, weil der Kontakt zwischen NTs und Aspergern oft nicht sehr intensiv stattfindet. Es ist also unüblich solche Fragen zu stellen. Wenn zwei Freunde zusammen gerne schwimmen, dann fragt der eine den anderen auch nicht, ob er gerne schwimmt. Trifft man aber auf jemanden, der nicht schwimmt, ist die Frage durchaus berechtigt.

Ich bin ein sehr offenherziger Mensch mit sehr viel Liebe für meine Mitmenschen, Tiere und die Natur. Nur kann ich es nicht immer zeigen. Doch wenn man mich näher kennt, wird man überrascht sein, wie viel ich zu geben habe. Ich gebe es nur auf eine andere Art und Weise. In Facebook zum Beispiel gebe ich meine Liebe an meine Freunde durch schöne Bilder und Grüße weiter. Ich will sie damit erfreuen. Privat gebe ich meine Liebe weiter durch herzliche ehrliche Leistungen oder einfach nur dadurch, dass ich Zeit für sie habe. Ich verschicke gerne kleine Geschenke oder bringe etwas mit, um zu zeigen „du machst mich glücklich“. In meiner kleinen Familie zeige ich es durch ehrliches Nachfragen, wie es dem anderen geht, mit ihm diskutiere und ihn in allem, was er zulässt, unterstütze. Ich frage, ob es dem anderen angenehm ist. Auch, dass alle Entscheidungen ihm selbst obliegen. Ich lege keinen Wert darauf, dass der andere meine Tipps annehmen „muss“. Ich gehe immer von mir aus. Ich mag Empfehlungen und Anregungen, aber ich mag es nicht, wenn der andere mich drängt sie umzusetzen. Damit blockiert er meine Entscheidung, es zu wollen. Lässt er mir aber die Freiheit und Zeit, es selbst herauszufinden, nehme ich meistens den Tipp an.

Fazit: Brückenbauen kann man nur mit Respekt, Freundlichkeit, ehrlichen Mitteilungen und der Freiheit, sich von dem anderen zurückziehen zu dürfen, bis er eine Antwort geben kann. Das gilt für Menschen mit und ohne Asperger Syndrom.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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3 Gedanken zu „Brückenbauen

  1. Ismael Kluever

    Ein schöner, mutmachender Beitrag, liebe Marion!

    Ich habe andernorts schon mal versucht, ein paar Grundsätze zu formulieren. Einige finde ich in deinem Text wieder.
    Ich möchte sie auch hier mal zur Diskussion stellen, wohl wissend, dass es nur erste (und z. T. banal wirkende) Ansätze handelt. Aber vielleicht kommen wir ja gemeinsam weiter.

    – Behutsamkeit: die Brücken zwischen Autisten und Nichtautisten sind sehr zerbrechlich und können nur in einer stress- und angstfreien Atmosphäre betreten werden.

    – Respekt: die Schutzräume (reale Privaträume und ideelle Lebenswelten) durfen nicht ungefragt betreten werden.

    – Freiwilligkeit: Niemand darf gezwungen werden, etwas zu tun oder eine andere Persönlichkeit anzunehmen, als er ist.

    – Akzeptanz: Begegnung ohne Erwartungsdruck, realisieren, dass der andere anders ist und auch anders bleibt.

    – reales Interesse, die Lebenswelt des Anderen kennen- und verstehenzulernen.

    – Bereitschaft, sich auf die Wahrnehmungs- und Kommunikationsweise des Anderen einzulassen, ohne sich dabei zu „verbiegen“ (RW). Dabei ist von der neurotypischen Seite eine Vorleistung zu erbringen, da ihm sein normales Umfeld mehr Sicherheiten bietet.

    – Verlässlichkeit als Basis für Vertrauen.

    Und nun kommt ihr! 🙂

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    1. denkmomente Autor

      Vielen Dank für dieses tolle Feedback, Ismael! Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Auch vielen Dank, dass du eine tolle Diskussion in Gang bringen wolltest. Es bleibt am Anfang immer ein bisschen schwierig, in Kontakt zu kommen. Aber ich erhalten über meine Blogs eine Statsik und kann dir mitteilen, dass deine Antwort vielfach gelesen wurde! Schweigen bedeutet bei Aspergern auch Einvernehmen… 🙂 Vielen Dank für deine rege Teilnahme an diesen Blogs!!

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  2. kiwigirl

    hallo,
    erstmal danke für deinen bericht, es erfreut mich sehr, jemanden gefunden zu haben, der ähnlich denkt wie ich 🙂 ich bin erst sehr spät diagnostiziert worden und habe dadurch kaum kontakt zu anderen autisten, sondern mit toleranten nts sozusagen.
    dadurch habe ich lange zeit gehabt, techniken und methoden zum umgang mit nts zu entwickeln und aufzustellen.
    ich versuche auch autisten zu erklären, dass vieles was nts machen, dass stressig ist oder nervend, verletzend oder einfach zu viel, von ihnen selbst nicht als solches wahrgenommen wird und somit auch nicht mit böser absicht passiert.
    das es nicht darum gehen darf, wer besser oder schlechter ist, wer schuld hat und wer nicht, sondern zu akzeptieren, dass wir sehr verschieden wahrnehmen, aber zumindest alle auf diesem planeten erstmal zusammen festsitzen 🙂 dadurch das wir eine minderheit darstellen, bedarf es meiner meinung nach, einer erklärung, damit nts überhaupt die chance haben, auf uns einzugehen, dies kann jedoch nicht jeder autist leisten, aber manche eben schon und je mehr es tun, desto einfacher wird denke ich das zusammenleben, weil wir ohnehin zusammen auskommen müssen.
    ich habe sehr positive erfahrungen gemacht, wenn ich mich erklärt habe, dass hätte ich eigentlich zunächst nicht erwartet.
    vielleicht kannst du ja nochmal über ein erlebnis diesbezüglich deinerseits schreiben. das würde mich freuen. lg kiwigirl

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