Das Problem mit Terminen

Ich habe keine Probleme Termine einzuhalten. Nie. Ich bin sehr zuverlässig und pünktlich. Ich habe Probleme mit dem Tagesablauf, wenn ich Termine habe.

Ich arbeite freiberuflich als Autorin und kann meine Zeit frei einteilen zu Hause. Perfekt! Doch sobald sich ein Termin in meinen Arbeitsalltag schleicht, geistert er den ganzen Tag in meinem Kopf herum und blockiert meine Konzentration auf die Arbeit. Oftmals sind es Termine, die ich wegen anderen Menschen habe. Die mich nicht einmal selbst betreffen. Besonders schlimm wird es, wenn es Abendtermine sind. Ich bin durch das viele Denken an diesen Termin den ganzen Tag über wie gelähmt. Termine stressen mich. Ich habe immer Angst, es passiert etwas, was meine Gedanken noch mehr beschäftigt oder Schuldgefühle auslöst, weil ich mal wieder nicht angemessen reagieren konnte. Oft habe ich auch Angst, dass mir aus diesem Termin noch weitere Termine erwachsen. Ich begegne zum Beispiel jemanden, der von mir Hilfe einfordert. Ich nenne es das „haste-kannste-tuste-Spiel“. Haste mal Zeit? Kannste mir mal einen Gefallen tun? Tuste das mal für mich? Ich werde also gefordert, wieder neue Termine in meinen Kopf zu packen. Und daraus ergeben sich wieder neue Termine. Es ist oft wie ein Dominostein, der fällt und die anderen mit umreißt. Ein Termin legt den Grundstein für den nächsten. Als hätte ich nicht schon genug am Hals. Deswegen telefoniere ich auch kaum. Viele beklagen sich deswegen, aber ich traue mich nicht, ihnen von meinem Problem zu erzählen, dass ich nichts ablehnen kann. Mich kann man leicht ausnutzen, ich kann einfach nicht nein sagen, also sage ich ja und habe wieder etwas am Hals, was ich nicht möchte. Den Anderen trifft keine Schuld, denn er überlässt mir bei einer Frage ja die Option nein zu sagen, doch ich denke immer, ich müsste es begründen, wenn ich ablehne. Es hört sich ziemlich unfreundlich an zu sagen „ich habe keine Lust“. Dabei wäre das die Wahrheit. Leider habe ich erfahren, dass Menschen, die nach Diensten fragen, die Wahrheit in dieser Form nicht gerne hören wollen.
Zurück zu den Terminen.

Am besten ist es, wenn ein Termin früh morgens stattfindet. Dann bleibt mir wenigstens der Rest des Tages. Meine eigenen Termine (Arzt, Besorgungen) lege ich meistens auf den frühen Vormittag, wenn wenig Menschen unterwegs sind.

Besonders schlimm wird es, wenn ich die ganze Woche über Termine habe. Sie geistern alle in meinen Gedanken herum und machen mir jede Art von Konzentration unmöglich. Ich habe Angst einen zu vergessen, obwohl er im Kalender eingetragen ist, und er hört nicht auf, durch meine Gedanken zu wandern. Ich verliere vor lauter Denken die Lust auf meine anderen Erledigungen. Der ganze Antrieb für den Tag geht verloren und ich finde mich gedankenverloren, Kaffee trinkend und erschöpft im Sessel wieder. Voller Wut auf mich selbst, weil ich all diese Termine habe. Jedes Mal nehme ich mir vor, mehr abzulehnen, aber ich schaffe es nicht. Mir fehlt die spontane Reaktion darauf.
Zudem funktioniert ein Leben ohne Termine leider nicht. Ich frage mich, wie ich das abstellen kann. Habe es noch nicht geschafft. Manchmal gelingt es mir, etwas Sinnvolles zu tun, etwas, bei dem ich mich nicht konzentrieren muss. Dann stricke ich Socken, bügle oder nähe irgendwelche Wäsche, die geflickt werden muss. Aber gute Texte schreiben oder sinnvolle Hausarbeit ist dann unmöglich für mich.

Das war früher anders. Während der Erziehungszeit der Kinder war mein Tag mit Terminen angefüllt, aber damals war es mein „Job“. Heute mag ich es einfach nicht, beim Schreiben gestört zu werden. Ich schreibe oft stundenlang und fange erst gar nicht an, wenn ich weiß, dass mir nur drei oder vier Stunden bleiben. Der Gedanke stresst mich und nimmt mir jede Konzentration auf gute Texte.

Ich versuche immer wieder gegen das Stressgefühl bei Terminen anzukämpfen, aber ich verliere diesen Kampf jedesmal. Es gibt im Leben als Autist Dinge, die man nicht ändern kann, egal, wie sehr man sich bemüht. Ich sage immer, dass mir die „Direktleitung“ dafür im Gehirn fehlt. Es müssen zu viele „Umleitungen“ in Anspruch genommen werden. Diese langen Wege erschöpfen einen. Das lässt sich mit einem langen und einem kurzen Wanderweg vergleichen. Denken kann genauso erschöpfen wie eine lange Wanderung.

So kann Unfähigkeit bei einem Asperger bei anderen schnell den Eindruck von Bequemlichkeit erwecken. Doch ich bin alles andere als bequem. Mein Gehirn arbeitet immer, Tag und Nacht. Ich habe einen 24-Stunden-Job im Leben.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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4 Gedanken zu „Das Problem mit Terminen

  1. Forscher

    „Ich schreibe oft stundenlang und fange erst gar nicht an, wenn ich weiß, dass mir nur 3 oder 4 Stunden verbleiben. Der Gedanke stresst mich und nimmt mir jede Konzentration auf gute Texte.“ – so geht es mir auch. einen freien Vormittag genießen wird schwierig, wenn der Nachmittag belegt ist.

    allgemein danke für alle deine texte, marion. ich finde mich in so vielem wieder. es ist wunderbar das zu lesen, was ich bisher nicht ausdrücken konnte. nun kann ich es vielleicht auch besser anderen erklären, die neurotypisch denken.

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    1. denkmomente Autor

      Danke! Es freut mich, wenn ich dir helfen kann. Ich kann auch oft nicht alles so ausdrücken, wie ich es mitteilen möchte, besonderes im Gespräch. Schreiben geht viel besser. Das ist eben das Problem. Wenn man nur kleine Episoden seiner Probleme erzählt/schreibt, dann sagen viele: das ist bei mir auch so, und du wirst nicht ernst genommen. Aber bei uns Aspergern setzt sich das Problem aus hunderten von diesen kleinen Problemen zusammen. Das Gesamtbild ergibt den Autismus. Ich versuche in diesen Blogs möglichst viele solcher Probleme aufzuzählen. Viele Grüße!

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  2. Pingback: Pläne und Termine | Fakten über das Klinefelter-Syndrom

    1. denkmomente Autor

      Exakt! Genauso! Du sprichst mir aus der Seele! Vielen Dank! Wer damit keine Probleme hat, kann das nicht verstehen. Ich höre öfters Sätze wie „Bist du doof, oder was?“ Das führt auf Dauer zur Stigmatisierung. So geht ein Problem ins nächste! Es ist schön, dass du dich geäußert hast! Bist herzlich willkommen! LG, Marion

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      Antwort

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