Vereinsamung

Die Vereinsamung ist ein schlimmes Thema, das ich immer wieder in meinen Büchern aufarbeite. Dort allerdings im Zusammenhang mit Kindesmissbrauch. Das ist bei mir nicht der Fall. Doch damit kann ich Vereinsamung am Besten in Geschichten darstellen, weil das Gefühl extrem ist.

Die Vereinsamung ist in meinem Leben ein immer wiederkehrendes schlimmes Gefühl.

Als ich noch nichts von meinem Autismus wusste, sagte ich zu meinem Mann öfters, dass ich mich sehr einsam fühle. Wenn ich „sehr“ sage, meine ich schlimm. Er schaute mich zu Recht sehr ratlos an. Ich war doch als Mutter von zwei Kindern in einer glücklichen Ehe mit großer Familie, die mich ausnahmslos liebte, nicht einsam!

Einsamkeit bedeutet für Menschen ohne Autismus Alleinsein. Für mich ist es genau umgekehrt. Ich fühle mich alleine sehr gesellig und in der Gesellschaft sehr einsam. Das kann ein Mensch, der das Gefühl nicht kennt, kaum verstehen.

Wenn ich allein bin, bin ich entspannt, wandere und kann meiner Fantasie freien Lauf lassen. Ich mache, was mir guttut, lese, was mir gefällt, höre die Musik, die ich mag, und schreibe Geschichten, die mich bewegen. Niemand stört mich. Die Natur, die Musik, Bücher und Schreiben sind für mich die besten Gesellen.

Vor einigen Monaten hörte ich in einem alten Interview mit Leonard Bernstein den Spruch: Geselligkeit ist für mich Einsamkeit, und Einsamkeit ist für mich Geselligkeit. Ich verstand die Aussage sofort, weil ich sie spürte. Dieser großartige Komponist fühlte sich mit seinem Klavier alleine in einem kleinen Zimmer vollkommen glücklich und gesellig. Verließ er das Zimmer und trat in das Licht der Gesellschaft, fühlte er sich einsam.

Warum fühle ich mich einsam, wenn gute Menschen um mich sind, die mich lieben? Das kann doch nicht sein! Doch! Ich fühle, dass sie anders fühlen. Ich fühle, dass sie anders denken. Ich bemerke, dass sie an meiner Art der Wahrnehmung nicht teilnehmen. Ich registriere, dass mich nur ganz vereinzelt Menschen nach meinen Interessen und Wünschen im Leben fragen oder sich dafür interessieren. Ich beobachte, wie sehr mein Leben sich von dem der anderen abgrenzt. Und dabei verspüre ich eine große Einsamkeit.
Das Kuriose daran ist, dass es niemanden auffällt. Ich nehme an vielem teil, was die Gesellschaft anbietet, ich war immer berufstätig, gehe auf Veranstaltungen, gehe Einkaufen, feiere Geburtstage, helfe, wo immer ich kann, interessiere mich für die Belange und Nöte anderer Menschen, arbeite ehrenamtlich und leiste Nachbarschaftsdienste und vieles andere, was man unter Integration versteht. Ich lache dabei und mache Witze. Wie soll jemand merken, dass ich hinter dieser Fassade völlig anders fühle? Dabei umgibt mich immer das Gefühl, von einer Art Kapsel umschlossen zu sein. Mein Lieblingsbuch trägt den Titel „Die Wand“ von Marlen Haushofer. Eine Frau lebt allein mit einem Hund mitten in der Natur. Weit um sie herum befindet sich eine durchsichtige Wand, durch die sie eine tote, einst zivilisierte Welt sehen kann.

Da so gut wie niemand in meinem weiten Familien- und Freundeskreis dieses Gefühl verspürt, habe ich ständig Angst, darüber zu reden. Zwei meiner Familienmitglieder sind in psychiatrischen Einrichtungen an Suizid verstorben. Niemand fragt, warum sie diesen Freitod wählten. Ich habe Angst, dass man mich deswegen für verrückt erklärt. Wenn ich ansetze mich mitzuteilen, ernte ich meistens verständnislose Blicke oder Kommentare. Und stigmatisiert bin ich bereits genug. Probleme habe ich auch immer genug. Warum sollte ich mich zusätzlich lächerlich machen? Also ziehe ich mich zurück und schweige.
Ich kann mich inmitten einer tollen Party vollkommen einsam fühlen. Ich fühle mich einsam, wenn man mich in den Arm nimmt.

Es muss etwas damit zu tun haben, dass mich nichts mit den Menschen verbindet, die ich um mich habe. Erst als ich dem ersten Asperger Menschen begegnete, habe ich das Gefühl verspürt, dass es doch jemanden in meiner Welt gibt. Und je mehr ich mit meinen Gefühlen an die Öffentlichkeit gehe, desto mehr Menschen treffe ich aus meiner Welt. Es ist für mich in den letzten Wochen, seit ich diese Blogs schreibe, in Facebook und Google+ bin, unfassbar geworden, aus welchen Ecken und Winkeln hochfunktionale Autisten auftauchen und Menschen, die sich dafür interessieren! Das macht mich sehr glücklich. Wo waren sie? Haben sie sich versteckt oder war ich blind?

Man stelle sich vor, man würde in ein wildfremdes, weit entferntes Land verbannt. Niemand spricht deine Sprache, niemand interessiert sich für dich oder kümmert sich um die Belange, die für dich wichtig sind. Du fühlst dich in diesem Land furchtbar einsam und könntest jeden Tag weinen, weil dein Herz einfach trocken und leer ist. Dann taucht plötzlich jemand auf, der deine Sprache spricht und sich für dich interessiert. Es ist für dich das großartigste Gefühl auf Erden. Glück pur! Die Einsamkeit hört auf.

Das Gefühl, mit meinen Gefühlen und Wahrnehmungen nicht mehr allein zu sein, ist für mich ein tolles Gefühl! Jetzt, nachdem ich immer mehr Asperger kennenlerne, kann ich die Gefühle der NTs nachvollziehen, wie sie sich fühlen, wenn sie sich treffen und austauschen. Es mildert die Einsamkeit. Man läuft auf einer Wellenlänge. Es ist wie auf einer Krebsstation. Man findet andere, die auch an Krebs erkrankt sind, und fühlt sich besser, verstandener und gut aufgehoben. Ich glaube, der Spruch „Halbes Leid ist geteiltes Leid“ trifft hier zu.

Ich habe bemerkt, dass mir die Vereinsamung nur über die Mitteilungsschiene genommen werden kann. Und selbst da muss ich aufpassen, wo und bei wem ich mich mitteile. Ich suche Plattformen, Gleichgesinnte und Interessierte. Ich kann erst jetzt damit beginnen, weil ich von meinem hochfunktionalen Autismus erst seit zwei Jahren weiß und mich erst jetzt überwunden habe, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Das fiel mir sehr schwer, weil ich Angst hatte ausgelacht zu werden. Das Gefühl und Wissen, autistisch zu sein, war für mich anfangs sehr verwirrend, aber auch spannend und kribbelnd. Ich hatte das Gefühl, mich endlich, nach langer Suche auf dem richtigen Weg zu befinden.

Tja, und wer sich mit Aspergern auskennt, der weiß, dass in der Welt dieser Menschen meist der Gedanke „Alles oder Nichts“ vorherrscht. Ich gehe entweder komplett, total, offen und ehrlich mit meinen Problemen an die Öffentlichkeit oder gar nicht! Es scheint wohl ersteres der Fall zu sein!

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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3 Gedanken zu „Vereinsamung

  1. Ismael Kluever

    „Wie soll jemand merken, dass ich hinter dieser Fassade völlig anders fühle?“
    Das geht wohl nur, in dem du es äußerst. In dem du es aufschreibst, so wie hier! Deshalb:
    Danke, liebe Marion, für diesen so wertvollen Beitrag!

    „Dabei habe ich immer das Gefühl, dass sich eine Art Kapsel um mich herum befindet.“
    Auch andere schreiben von diesem Gefühl. Ich versuche immer wieder zu begreifen, was genau diese Kapsel, diese Wand ausmacht und woraus sie besteht. Und ich überlege immer wieder, ob es trotzdem Verbindungswege gibt: Verständigungsmöglichkeiten, die über ein oberflächliches „Wir verstehen dich doch!“ oder ein „Fühl dich einfach wohl bei uns!“ hinausgehen. Ich suche nach einer Verständigung, die in die Tiefe geht. Auch zwischen euch Autisten und uns Neurotypischen. Es fällt mir schwer, diese Grenze zu akzeptieren und sich einfach damit abzufinden. Das ist wohl „typisch neurotypisch“ an mir.

    Ist es möglich, „Brücken über die Glaswand“ zu finden?
    Oder überhaupt sinnvoll, sie zu suchen?
    Ich weiß es nicht.

    http://erdlingskunde.wordpress.com/2014/05/31/brucken-uber-die-glaswand/

    Gefällt 1 Person

    Antwort
    1. denkmomente Autor

      Vielen Dank für diesen tollen Kommentar, Ismael! Du bist willkommen! Ich kann nur für mich sprechen, und man kann durchaus meine Kapsel durchbrechen. Es hat etwas mir Respekt zu tun. Wer mir freundlich und respektvoll begegnet und mich nicht benutzt oder ausnutzt, der findet einen Weg durch meine Kapsel hindurch. Ich benötige allerdings ziemlich lange, bis ich einem Menschen vertrauen kann. Meine Gutgläubigkeit anderen Menschen gegenüber hat mich ziemlich gebranntmarkt. Aber mit Geduld und Freundlichkeit lassen sich Brücken bauen. Kleiner Tipp noch anbei, wenn sich ein Asperger plötzlich und unerklärlich zurückzieht. Frag ihn warum, wenn du nicht selbst dahinter kommst, und gib ihm Zeit, denn manchmal empfinden Asperger eine andere Wut als NTs. Die muss erst abklingen, bis sie sich äußern können. Wenn du den Grund seiner Wut allerdings kennst und die Wut verursacht hast, dann bitte in aller Form um Entschuldigung. In den meisten Fällen, lässt sich ein Asperger darauf ein. Bei mir ist es durchaus möglich, auch nach Enttäuschung und Wut wieder positive Gefühle zu einem Menschen aufzubauen. Nur wenn die Verletzung extrem persönlich ist oder ethische und moralische Grenzen bei mir überschritten hat, hast du keine Chance mehr. Viele Grüße, Marion

      Gefällt 2 Personen

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