Die Langsamkeit

Neben Alleinsein und Ruhe ist dieses Wort mein Lieblingswort. Worte. Ich mag es weil, ich damit ein angenehmes Gefühl verbinde.

Die Langsamkeit finde ich oft in romantischen Gegenden, in denen man nach altem Brauchtum und Sitten lebt. Aber auch am Himmel finde ich Langsamkeit, wenn ich das Ziehen der Wolken beobachte. Ich finde sie bei kleinen Kindern und bei alten Menschen. Des Weiteren im Wald, am Meer und auf den Feldern.

Ich sehe gerne alte Filme, in denen Geschichten aus der Vergangenheit erzählt werden. Darin wirkt alles langsam und überschaubar. Die Menschen hatten weniger Besitztümer und nicht so viele Bereiche, um die sie sich kümmern mussten.

Ich pflege gerne alte Traditionen, weil sie mir „langsam“ erscheinen. Ich backe zu Weihnachten nach alten Rezepten und benutze für den Teig keine Maschine, sondern gebe den Zutaten die Wärme meiner Hände, was mein Gebäck aus meiner Sicht bekömmlicher und köstlicher macht. Ich stricke gerne Wollpullis und Socken, weil sich das Gesamtwerk über viele Stunden der Ruhe aus der immer gleichen Bewegung formt. Ich häkele Kunstdeckchen, weil mich die damit verbundene Arbeit und die intensive Konzentration von den vielen Gedanken des Alltags ablenken. Und ich liebe alte Möbel und den Geruch von altem Holz, weil ich damit eine alte langsame Zeit verbinde. Übersicht und Kontrolle. Das mag ich.

„Langsamkeit“ ist im Grunde ein falsches Wort, denn wenn ich es analysiere, kommt bei mir „Wenigkeit“ heraus. Damit meine ich, dass ich Sehnsucht nach dem Wenigen habe. Wenig Termine, wenig Menschen, wenig Technik, wenig Bewegung, wenig Geräusche, wenig Reize. Das ergibt automatische eine Langsamkeit. Alles wird langsamer.

Großstädte sind mir ein Gräuel. Ich fühle mich nur in kleinen Städten wohl. Je kleiner und übersichtlicher, desto größer wird mein Wohlbefinden.
Wenn alles weniger wird, kann man es intensiver wahrnehmen. Ein oder zwei Spezialinteressen oder Begabungen, aber die extrem gut ausgebildet. Wenig Kleidung/Schuhe, aber die in guter Qualität. Wenig Abwechslung bei der Nahrung, dafür aber hochwertige Kost.

Viele Asperger haben gerne wenig Sachen um sich. Sobald sie zu viele Dinge besitzen, verursacht es Chaos in ihrem Kopf. Es gibt natürlich auch Sammler, die nichts wegwerfen können. Dazu gibt es einen sehr interessanten Film, der den Titel „Mozart und der Wal“ trägt. In diesem Film begegnen sich zwei Asperger. Er ist introvertiert und chaotisch und sie extrovertiert und sehr ordentlich. Die Geschichte erzählt, wie sich beide annähern und ihre Welten miteinander verbinden.

Zurück zur Langsamkeit – also Wenigkeit.
Das hat mit Aufmerksamkeit zu tun. Je langsamer und weniger etwas ist, desto besser kann ich den Dingen meine Aufmerksamkeit schenken. Ich kann Menschen, die immer mehr, immer höher und immer weiter kommen wollen nicht verstehen. Was wollen sie erreichen außer einem Absturz? Warum können diese Menschen nicht einmal auf einem Level stehenbleiben und diesen intensiv und langsam pflegen? Warum muss ein Ferienhaus immer eine Spülmaschine haben? Mit der Hand spülen macht den Tag langsamer, intensiver und übersichtlicher. Nicht jede Maschine ersetzt wirklich Zeit. Das ist ein Irrdenken. Viele Maschinen ermöglichen es uns nur, uns noch mehr in den Tag zu packen. Nichts läuft heute mehr langsam. Alles muss in Höchstgeschwindigkeit erledigt werden.
Ich mag rationelles Handeln und Denken, aber ich mag es nicht, wenn dadurch Dinge Platz finden, die ich sonst nicht machen würde. Wenn ich mir schon freie Zeit verschaffe, dann möchte ich sie nicht mit vielen anderen Dingen vollstopfen, sondern Zeit für eine Sache finden, die ich dann langsam und intensiv betreiben kann.

Es graut mir immer davor, während der Rushhour in die Stadt zu müssen, wenn Tausende von Menschen in Höchstgeschwindigkeit an mir vorbeisauen und ich nur undefinierbare Geräusche, Schatten und Formen wahrnehme. Das bereitet mir Kopfschmerzen. Ich gehe oft spät abends einkaufen, wenn die Stadt leer ist. Es kommt mir nicht nur entgegen, dass ich wenigen Menschen begegne, nein, sondern auch, dass alles langsamer wird. Selbst die Verkäuferinnen sind langsamer, freundlicher und gemütlicher. Ist das nicht schön?

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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2 Gedanken zu „Die Langsamkeit

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