Der Blickkontakt

Ich kann Menschen problemlos ansehen. Viele Autisten berichten das Gegenteil. Das war bei mir nicht immer der Fall. Ich habe es im Zuge meiner Ausbildung gelernt. Aber es hat andere Probleme mit sich gebracht…

Als ich die Fachschule für Sozialpädagogik besuchte, sprach meine Psychologie-Lehrerin mich an, ich würde die Menschen beim Sprechen nicht richtig anschauen, als hätte ich immer etwas zu verbergen, würde lügen oder wäre nicht interessiert. Ehrlich gesagt, war mir das vorher nie aufgefallen. Da ich den Beruf der Erzieherin lerne, sei es wichtig, den Kindern in die Augen zu sehen, wenn ich mit ihnen spreche.
Das sah ich ein. Also begann meine Lehrerin dieses Verhalten mit mir zu trainieren. Allerdings blieb dabei eine andere Sache auf der Strecke, nämlich meine Konzentration.
Ich bemerkte sehr schnell, dass ich vor lauter Fokussierung auf den Blickkontakt, die Inhalte der Gespräche nicht mehr gut verfolgen konnte, was zur Folge hatte, dass ich nicht mehr alles mitbekam. Die zusätzlichen Bewegungen im Gesicht meines Gegenübers beim Sprechen raubten mir dann den Rest meiner Konzentration, und Sätze wie „Hast du denn gar nicht zugehört?“, bekam ich immer öfter zu hören.

Blickkontakt zu halten und einem Gespräch zu 100% folgen ist mir bis heute nicht möglich. Aber da ich herausgefunden habe, dass der Blickkontakt unter NTs das Wichtigste am Gespräch ist, gebe ich mir immer wieder große Mühe.
Eine Psychologin der Autismus-Ambulanz sagte mir zum ersten Mal, dass mein Blickkontakt wie ein Starren wirke. Sie erkannte direkt, dass es einstudiert war und keine natürliche Wirkung auf andere hatte. Ich erklärte ihr mein Problem mit der Konzentration auf die Inhalte der Gespräche und sie riet mir, bei wichtigen Gesprächen dem anderen einfach von meinem Problem zu erzählen und ihn so darauf vorzubereiten, dass ich hin und wieder wegsehen müsse, um alles zu verstehen.

Nun, das ist nicht so einfach, denn jedes Mal müsste ich dem anderen von meinem Autismus erzählen und damit rechnen, dass er aus Unsicherheit Abstand zu mir hält. Also lasse ich es in den meisten Fällen.

Es gab eine Begebenheit auf der Leipziger Buchmesse 2014, bei der ich gezwungen war, meinem Gegenüber von diesem Problem zu erzählen. Es ging um ein spontanes Interview, was nach meiner Lesung stattfinden und für Youtube gefilmt werden sollte. Ich wusste nichts davon und konnte mich nicht vorbereiten.
Mein Moderator während der Lesung war bereits über mein Asperger Syndrom informiert, damit er im Falle einer nicht angemessenen Reaktion von mir eingreifen und mir helfen könnte. (Beispiel: Bei einer Lesung in Hilden ist einmal ein Gast während des Lesens auf mich zugestürmt und hat mich vor allen Leuten beschimpft. Ich wusste nicht, wie ich darauf reagieren sollte , bin aufgestanden und habe die Veranstaltung verlassen. Danach hatte ich große Probleme damit, wieder in der Öffentlichkeit zu lesen)

Dieser andere Moderator wollte mich also spontan interviewen. Da die Antworten in solchen Fällen von besonderer Wichtigkeit sind, wurde ich nervös. Die Höflichkeit verlangt, dass ich den Moderator während des Gesprächs anschaue. Aber wenn ich dies täte, könnte ich die Fragen nicht richtig verstehen und angemessen antworten. Also besprachen wir ein Interview, bei dem wir seitlich zur Kamera standen. Als er mir die Fragen stellte, sah ich links an ihm vorbei und konnte mich gut darauf konzentrieren und angemessen antworten. Bei der Antwort konnte ich ihn ansehen. Ich antwortete allerdings sehr schnell und aufgeregt, weil mich die Situation vollkommen überforderte. Man kann es in dem Video genau sehen. Und doch hatte dieses Interview die höchste Einschaltquote von allen, die dort von den Filmteam gemacht wurden. Ich hoffe, das liegt an der Qualität der Antworten.

Da ich mich an den Blickkontakt mittlerweile sehr gewöhnt habe, nehme ich in den meisten Fällen eher das Defizit mit dem Verstehen in Kauf. Notfalls frage ich nach oder akzeptiere, dass ich auf manche eben „dumm“ wirke. Ich gebe selten zu, dass ich autistisch bin, um bei den anderen keine Unsicherheit zu verursachen.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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