Ist das Asperger Syndrom wirklich eine Störung?

Zu Anfang dieses Beitrages möchte ich mich gerne entschuldigen, wenn manches recht krass herüberkommt, obwohl ich es nicht so meine. Doch manchmal wähle ich klare Worte, um das auszudrücken, was ich meine und wie ich die Dinge sehe. Auch wenn es nicht allen gefällt.
Es gibt Dinge, die ich nicht schönreden oder abmildern kann. Wer meine Romane kennt weiß, was ich meine. Ich bin manchmal so deutlich, dass andere vor mir zurückschrecken oder mich missverstehen. Also, den Beitrag bitte nur lesen und nicht direkt urteilen. Er ist sehr allgemein und provokativ geschrieben. Erst mal sacken lassen. Bitte erkennt meine Aussage darin, meine Bitte, nicht meinen Zorn. Der sieht völlig anders aus.

Ich würde gerne einmal etwas zur Diskussion stellen. Ich habe grundsätzlich ein Problem mit den Begriffen Erkrankung und Störung, wenn es um das Asperger Syndrom geht.

Man stelle sich vor, es gäbe auf der Welt mehr Asperger als NTs, und der Begriff „normal“ würde immer noch durch die Quantität bestimmt. Dann wären die Menschen ohne das Syndrom die „nicht normalen“. Und jetzt wende ich den Begriff „Störung“ an. Der Mensch ohne Asperger hätte dann also eine Störung.

Ich schreibe provokativ aus meiner Sicht, um eine klare Darstellung zu schaffen:

Der Mensch ohne Asperger redet viel belangloses Zeug. Er vertuscht und verschleiert reale Situationen. Er verändert viel und lügt oft. Er will immer höher und immer weiter. Er macht viel zur gleichen Zeit und er fordert von sich immer mehr und mehr. Er vermittelt das Gefühl, nie gut genug zu sein. Er versucht mir vorzuschreiben, was ich anziehe, wie ich lebe und was ich mag.
Ich könnte endlos viel aufzählen, was Menschen ohne Asperger-Autismus aus meiner Sicht verursachen. Das ist aus meiner autistischen Sicht eine Störung. All das verwirrt mich. Doch ich möchte hier keine Pauschalaussagen machen, denn ich kenne viele, viele tolle Menschen, die keine Autisten sind und die aus meiner Sicht sehr vernünftig leben und reagieren.
Aber … wie würde es sich für die Menschen ohne Asperger-Autismus anfühlen, wenn diese Sicht der Dinge in der Gesellschaft existieren würde? Wenn sie also als gestörte Menschen bezeichnet würden. Das Gefühl, das dadurch entsteht, ist das Gefühl, das diese Autisten haben, wenn man sie als gestört oder krank betitelt.

Jetzt noch mal zur Kernaussage: Ist das Asperger Syndrom wirklich eine Störung oder eine Krankheit? Die Betroffenen empfinden sich nicht als gestört oder krank, sie empfinden sich nur als anders wahrnehmend, so wie jeder Mensch anders für sie wahrnimmt. Asperger widmen sich mit großer Freude bestimmten Themen sehr intensiv und sind oft Koryphäen auf ihrem Gebiet. Sie vertuschen und verschleiern nichts, können nicht manipulieren. Sie wollen nicht immer mehr und immer höher und anderen Vorschriften machen, was sie zu tun haben. Ihre angeborene Perfektion reicht dafür aus, dass sie vieles auf hohem Niveau erledigen und keine Pusher benötigen. Sie leben gerne in einer gewohnten, funktionierenden Welt und wollen zur Ruhe kommen. Sie verabscheuen Gewalt und lehnen Kriegszustände gänzlich ab, weil sie gar nicht in der Lage sind, strategisch und berechnend gegen ihre Mitmenschen vorzugehen. Sie treffen sich gerne mit Leuten, die ihre Interessen ehrlich teilen, und nicht, um daraus einen Gewinn zu erzielen. Sie schreiben niemanden vor, wie er sein soll. Sie ändern nicht andauernd ihren Geschmack, sondern bleiben ihren Ansichten treu. Es kümmert sie nicht, was die Nachbarn und Zeitungen tratschen. Aber sie leiden entsetzlich unter Reizüberflutungen, Manipulationen und manipulativen Desinformationen. Besonders wenn sie ihre Nöte mitteilen und deswegen auch noch angegriffen, verlacht oder gar als naiv bezeichnet werden. Deswegen verbiegen sie sich oft bis zur Unkenntlichkeit, um sich den NTs anzupassen, weil diese sich in der Mehrzahl befinden.
Ein unendlicher Denk- und Stresszustand. Asperger, die nicht imstande sind, sich ausreichend anzupassen, landen nicht selten in psychiatrischen Kliniken, als Obdachlose auf der Straße oder leben arbeitslos und sozial isoliert in ihren Wohnungen. Nur wenige schaffen den Sprung in ein funktionierendes Berufsleben oder gar in eine Ehe mit Kindern.

Nach meiner Kenntnis findet man höchst selten Asperger in Machtpositionen, denn Macht über andere widerstrebt ihnen in der Regel. Man findet sie häufiger in Leitungspositionen. Ihr Prinzip ist es, ohne Wettkampfgedanken Leistungen zu bringen und in ihrer Einstellung in Ruhe gelassen zu werden. Nur damit fühlen sie sicher, nicht ausgenutzt oder verlacht zu werden, weil sie mal wieder nicht schnell genug irgendwelche Verschleierungen und Manipulationen durchschaut haben. Sie wollen auch nicht ständig ausgenutzt werden, weil sie mal wieder nicht „nein“ sagen können.

Aber auch hier gibt es Ausnahmen, weil es auch sehr unangenehme Asperger gibt, die es mit genau diesen Punkten übertreiben. Ehrlichkeit zum Beispiel hat Grenzen und kann sehr taktlos sein. Auch Desinteresse hat Grenzen und kann andere verletzen. Sozialer Rückzug hat Grenzen, weil dadurch unnötig die Hilfe anderer beansprucht wird. Pessimistische zänkische Asperger sind kaum auszuhalten. Sie können richtige Griesgrame sein.

Ich wollte nur einmal zur Diskussion stellen, ob es wirklich eine „Störung“ eines Menschen gibt. Wenn ja, wer hat sie dann? Der Asperger oder der NT? Es gibt Ansichten, Geschmäcker und Fähigkeiten. Was es leider oft nicht gibt ist: genug Toleranz, Integration und Respekt. Und leider gibt es zu viele Menschen, die kein Interesse haben – auf beiden Seiten.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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8 Gedanken zu „Ist das Asperger Syndrom wirklich eine Störung?

  1. Ismael Kluever

    Ich möchte meine Antwort mit einem oft zitierten Satz beginnen, von dem ich gar nicht mehr weiß, wer ihn ursprünglich aufgebracht hat:

    „Wenn du einen Autisten kennst, dann kennst du *einen* Autisten!“

    Dieser Satz gilt sowohl für uns Neurotypische wie auch für Autisten selbst. Ein Autist, der *einen* Autisten, also sich selbst kennt, der kennt die anderen Autisten deshalb noch lange nicht. Und er kann deswegen auch nicht für „die Autisten“ sprechen, sondern zunächst mal nur für sich selbst und diejenigen, die ihm im autistischen Spektrum sehr ähnlich sind.

    Aber das autistische Spektrum ist nun mal sehr breit gefächert. Ich als neurotypischer Web-Surfer nehme davon nur einen kleinen Ausschnitt wahr. Nämlich diejenigen Autisten (mehrheitlich übrigens Autistinnen!), extrovertiert sind, die mit hoher Sprachbegabung, Charme und Humor bloggen, die mit Medien virtuos umgehen können (z. T. Jornalistinnen sind). Darüber hinaus diejenigen, die couragiert im Fernsehen auftreten und deshalb auch immer wieder gerne als Interviewpartner eingeladen werden: Nicole Schuster, Rainer Döhle, Peter Schmidt und wie sie alle heißen. Alles intelligente Leute, die relativ gut in ihrer neurotypischen Umgebung zurechtkommen oder sich zumindest irgendwie darin eingerichtet haben.

    Aber es gibt ja auch die anderen. Als einer der Bekannteren: Birger Sellin, der in einer Wohneinrichtung lebt und sehr viel Hilfe braucht. Und wenn ich in Videos sehe, wie Carly Fleischmann ihren Kopf auf den Boden hämmert, weil das Gefühl, dass er explodieren will, nicht mehr auszuhalten ist oder wenn sie verzweifelt in ein Kissen boxt, weil der ganze Körper innerlich zu brennen scheint, dann…
    …ja, dann sehe ich ein Problem!

    Ich versuche also, die Frage differenziert zu sehen. Da gibt es eben diejenigen, die wie die Bloggerin Siliel sagen „Ich habe meinen Autismus lieb!“. Und es gibt diejenigen, für die der Tag im Chaos versinkt, wenn sich nur ein Termin verschiebt. Die einen unternehmen Weltreisen. Die anderen erleben schon auf einem Großsstadtbahnhof einen Zusammenbruch oder stehen weinend und sich übergebend auf dem Standstreifen der Autobahn, weil das Navigationsgerät versagt hat. Das ist dann eine andere Dimension als nur eine „Verschiedenartigkeit“. Und diese Probleme muss man irgendwie benennen können, als Störung, Behinderung oder wie auch immer. Auf jeden Fall haben diese Menschen dann ein Recht auf Solidarität und Hilfe!

    Dabei ist für mich nicht der Autismus an sich ein Störung, sondern die damit oft verbundenen Phänomene, die zu Overloads, zum Scheitern in Alltagssituationen usw. führen.

    Schon bevor ich die allgegenwärtige Diskussion um das Thema „Behinderung“ mitbekam, schrieb ich einer Bekannten, dass ich ihr nicht die Behinderte, sondern einfach einen liebenswerten Menschen sehen wollte. Einen Menschen, der eben ein paar Extras mitbringt. Und der besondere Achtsamkeit von mir erwarten darf.

    Ich glaube, das ist nach wie vor eine gute Einstellung für das Miteinander!

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      1. dorinalutz

        ein sehr guter Kommentar finde ich. Ich finde es sollte nicht vergessen werden, dass Autismus eine Tiefgreifende Entwicklungsstörung ist, die teilweise mit sehr starken psychosozialen Problemen einhergeht, auch wenn manche Autisten durch ihr scheinbar unbeschwertes Auftreten in der Öffentlichkeit einen anderen Eindruck erwecken können.

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  2. Mackenzie Calhoun

    Ich lese von tiefgreifende Entwicklungsstörung! Sorry, es gibt im Zirkel der NTs ebenso Menschen mit Entwicklungsstörungen, mit Depressionen, Psychosen, Angststörungen, Schizophrenie etc. Die Frage ist doch die, wer bestimmt was wann eine Störung ist? Wenn eine Entwicklung, wie auch immer sie ausgeprägt besonders ist, zu einer Behinderung führt, egal ob Autismus oder SuchDirEinenNamenAus und zu so dermaßen starken Beeinträchtigungen führt, dass der Mensch intensive Unterstützung, Betreuung und gar Pflege von Dritten benötigt, dann ist es eine Störung mit Behinderung. Ist es schlicht nur anders zu sein, aber eine eher seltenes und nicht so starkes Anderssein, dann ist es nicht gleich eine Störung, Krankheit oder Behinderung. Es kommt nur sehr selten vor, hat aber nun einen Diagnosenamen! Das Problem ist aber, dass viele diese Andersartigkeit, diese Besonderheit, den Menschen mit Extras, nicht respektiert, sondern meidet, mobbt, bekämpft, nur weil er nicht der „Norm“ entspricht. Ja, so kras es klingt, aber es gab mal eine Zeit, da war es die Norm Juden zu verfolgen, zu mobben, herabzuwürdigen und zu töten. Also, wer legt fest wann etwas normal ist? ist es dann gleich automatisch richtig, nur weil sich eine Mehrheit findet?

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  3. Anna Lühse

    Liebe Marion,

    ich möchte dir gerne meine Gedanken mitteilen, weil mich das Thema schon seit ca. drei Jahren beschäftigt, ich (49) lese seit einiger Zeit deine Seite und so oft denke ich: ja genau!!!
    Gerne hätte ich dir gemailt, aber ich mag google-mail nicht, die analysieren und speichern alles auf ihren Servern. Mein Kommentar ist (sorry ;-)) sehr umfangreich geworden, aber es ist mir wichtig zu sagen, dass „Asperger hochfunktional“ keine Krankheit ist und wir uns auch nicht so benehmen sollten, als sei es eine „Störung“. Im Gegenteil, wir sind vermutlich intelligenter als die meisten Menschen, denn nur deshalb machen wir uns so viele Gedanken, nur deshalb versuchen wir noch immer uns an die „Gesellschaft“ anzupassen – was man nicht so weit übertreiben sollte, dass es einem schlecht geht.

    Wir reden hier von dem „hochfunktionalen Asperger-Charakter“, jenen Menschen, die in jüngeren Jahren vermultich durchaus auffällig auf ihre Umwelt gewirkt haben mögen. Rückblickend betrachtet verstehe ich vieles besser, da ich nun weiß, dass ich eine Asperger-Persönlichkeit bin. Nein, ich habe mich nicht diagnostizieren lassen, werde ich auch nicht tun, weil es meiner Meinung nach eben KEINE Erkrankung ist. (Außerdem habe ich mit Ärzten in anderen Bereichen schon Erfahrungen gemacht, die mir jeglichen „Weißkittelrespekt“ haben abhanden kommen lassen.) Jetzt werden Kritker anmerken, dass ich es doch dann gar nicht wissen könne. Doch, weiß ich. Sonst wäre ich niemals auf deiner Seite gelandet, da ist eine monatelange Recherche vorausgegangen. 90% dessen, was du beschreibst, trifft auch auf mich zu. Die Tatsache, dass überhaupt jemand diese vermeintlichen Kleinigkeiten, die uns besonders machen, thematisiert, zeigt, das wir uns von der Masse unterscheiden. Denn die meisten Leute, wissen gar nicht, wo das Problem liegt, worüber wir überhaupt reden und vor allem, WARUM wir darüber reden wollen. Es ist, als würde ich versuchen mit einem Blinden über die unterschiedlichen Rot- und Blauanteile der Farben Pink, Hellflieder, Dunkellila und Weinrot zu diskutieren. Damit kann der schon immer Blinde nix anfangen, der versteht gar nicht, was ich will. Genau so ergeht es den sog. NTs.

    Mit Fernsehauftritten wie dem von Nicole Schuster habe ich so meine Probleme. Sie erzählt u. a. von dem Fahrradhelm, in den Mitschüler hineinuriniert hatten, und den sie trotz des Ekels aufgesetzt hatte, weil ihre Eltern ihr gesagt hatten, sie müsse beim Radfahren stets einen Helm tragen, und für Nicole sei die Einhaltung von Regeln sehr wichtig (natürlich wussten die Eltern nicht, was die Mitschüler mit dem Helm gemacht hatten). Ich finde es verantwortungslos solche ehrlichen Menschen in einer Fernsehsendung der Lächerlichkeit preis zu geben. Sie ist noch jung, und wird lernen, dass es besser ist, nicht alles zu sagen, was man denkt und tut. Auch die Marotte mit dem Kohlessen wird doch von den meisten Leuten als zumindest sonderbar angesehen. Eine solche Sendung sorgt garantiert nicht für eine größere Akzeptanz dieser Asperger-Menschen, sondern sie verkommt zur „Freak-Show“ (obwol alle in der Talkrunde freundlich und tolerant tun). Und das verurteile ich! Man hätte Frau Schuster zuvor sagen müssen, dass sie die Sache mit dem Fahrradhelm nicht in der Öffentlichkeit erzählen soll, denn die meisten Leute denken sich bestimmt nicht, was das für eine grundehrliche Seele ist, sondern sie halten sie vermutlich für sehr schlicht gestrickt – höflich formuliert. Und genau das wird man sie oft im Leben spüren lassen – und dann fühlt sie sich schlecht. Und dann fühlt sie sich „krank“.

    Die ganze Asperger-Thematik erinnert mich sehr an die Problematik mit der Homosexualität in den 50er-Jahren, als man das als „Geisteskrankheit“ diagnostizierte und die „Kranken“ mit Elektroschocks zu heilen versuchte. Leider gibt es auch heute noch Mediziner, die bei Homosexuellen von einer psychischen Krankheit ausgehen. Die verzweifelten Versuche der Homosexuellen sich zu erklären, bringen nur bei Menschen etwas, die ohnehin offen und tolerant sind. Die Doofen wird man nicht überzeugen, und oft denke ich, dass sie mindestens 50% der Bevölkerung ausmachen. Entschuldigung, das ist meine persönliche, pessimistische (nicht ganz ernst zu nehmende) Erfahrung.

    Ich bin sehr froh, dass ich die „Denkmomente“ gefunden habe, aber ich glaube, wenn wir aufhören, uns zu sehr zu erklären, dann geht es uns besser, dann geht vielleicht auch „die Hitze“ bei dir weg. Weil das immer wieder Abgleichen mit den Anderen einfach stresst. Und nur deshalb geht es uns schlecht. Wenn man den Kontakt zu unerwünschten Mitmenschen auf ein Minimum reduziert, geht es einem ziemlich gut, finde ich.

    Und nun zu den Ärzten: wenn du z. B. mit deinen Gelenkbeschwerden zum Arzt gehst, häufig, weil du dein Leiden alleine nicht in den Griff bekommst, nicht weißt, was mit dir ist, dann wird der Arzt dir irgendwann eine Diagnose stellen, das ist ja sein Job. Vielleicht erkennt er eine Arthrose (das bekommt zwar jeder im Alter, aber er wird es als Krankheit benennen) und wenn es rentabel ist, bekommst du irgendwann ein neues Kniegelenk, er hat da bestimmt was ganz Tolles … Hätte man vielleicht auch anders hinbekommen, aber man „will“ ja, dass der Arzt einem hilft, und dann glaubt man das auch, was der Arzt einem erzählt. Und nun sind wir bei der selbsterfüllenden Prophezeiung. Man glaubt, dass man „krank“ ist. Denn es gibt einen Namen dafür, und man „hat“ das. „Hilfe, ich habe Asperger!“ ;-))

    In 50 Jahren werden wir weiter sein, und wir werden „hochfunktionale Aspergerpersönlichkeiten“ als bestimmte (hoffentlich geachtete und in vielem überlegene) Charaktere begreifen. Eben jene Menschen, die mehr mitkriegen als andere aufgrund ihrer sensiblen Sinne, Menschen, die ehrlich, hilfsbereit, konsequent und hochkomplex sind. Menschen mit besonderen Eigenschaften!

    Kein Mensch käme doch z. B. auf die Idee, jemanden, der romatisch und leicht kitschig veranlagt ist, als „krank“ zu bezeichnen. Man findet zwar seine Träumereien versponnen, seine Ziele unrealistisch, den gar zu süsslich-lieblichen Geschmack grenzwertig usw., aber niemand würde so jemanden als krank bezeichnen. Warum bezeichnen sich Asperger-Persönlichkeiten, die sich mit viel Mühe im Laufe der Jahrzehnte an diese oberflächliche Gesellschaft angepasst haben, selber als krank? Die anderen haben uns vermutlich schon mal gesagt, dass wir „sie doch nicht alle haben“. Wenn man sich nicht so verhält, wie die anderen das gewohnt sind. Vielleicht steckt das noch im Unterbewusstsein?

    Ich habe (neben den tierischen Gefährten) genau EINEN Freund – mit dem bin ich zum Glück auch noch verheiratet. Er ist auch ein Asperger-Charakter. Wir beide haben nur Stress, wenn wir gezwungen sind, mit anderen zusammen zu sein. Wir beide sind gutmütig, hilfsbereit, hochkreativ, und vielleicht wurden wir von unseren Familien früher als ein wenig „doof“ angesehen, weil wir so waren, wie wir waren. Unsere Leben sind nebst beruflicher Karrieren höchst erfolgreich verlaufen. Wir wohnen alleine mit Tieren auf dem Lande, in einer reizarmen Umgebung, wo wir unseren Interessen nachgehen können, und uns niemand nervt. Mit unseren Familien haben wir jeden Kontakt abgebrochen, einfach, weil wir uns nicht mehr ausnutzen lassen wollten. Seither geht es uns wunderbar! Sich trennen, das ist die Lösung. Nicht, sich als „krank“ brandmarken zu lassen.

    Ich war das Kind, das sich nicht die Schuhe binden konnte, das nicht Rolltreppe fahren konnte, und am Ende der Rolltreppe gestolpert ist, das nicht beim Wettrennen losgelaufen ist, wie all die anderen, dem andere Kinder den schönen Stein weggenommen haben, wenn ich ihn gezeigt habe. Ich war das Kind, das in der Grundschule nicht das kleine Schreibschrift-„s“ malen konnte, die mit den anderen keine gemeinsamen Themen hatte. Ich war aber die, die all die Kleinigkeiten sah, die anderen verborgen geblieben sind. Ich erinnere mich an die lautstarke „Erkenntnis“ meines Vaters, als er brüllte: „Die Junge ist nicht dumm, die ist faul!!!“ Mit Prügel versuchten meine Eltern mir etwas beizubringen. Schon im Zeugnis der ersten Klasse stand wörtlich: „Der sehr zaghaften Schülerin fehlt es an etwas mehr Selbstvertrauen und einer zügigeren Arbeitsweise“. Jahrelang dachte ich, die Eheprobleme der Eltern, der prügelnde Vater und die Konflikte innerhalb der Familie seien die Ursache für mein Andersempfinden, aber inzwischen bin ich mir sicher, dass ALLEINE mein Andersempfinden mich vor psychischem Schaden bewahrt hat. Ich bin „meinem Asperger“ also irgendwie dankbar! Wäre ich nicht so „bei mir“ gewesen, hätte ich diesen Irrsinn wohl kaum überstanden. Sehr früh erkannte ich, dass auf niemanden Verlass ist, ich habe mich nur auf mich verlassen und bin irgendwann meinen Weg gegangen. Die anderen (Eltern, Familie) fehlten mir nicht, im Gegenteil.

    Als ich älter wurde, war meine (dann alleinerziehende und über ihren Exmann wetternde) Mutter sehr verwirrt, dass ich mich in eine selbstbewusste Person verwandelt hatte, oft betonte sie, was ich doch für ein „mickriges Kind“ gewesen sei, und dann hätte ich mir dieses lose Mundwerk zugelegt. Woher das denn nun käme, das war ihr unbegreiflich … Und noch schlimmer war für sie, dass sie mich nicht mehr schickanieren konnte, denn ich bin einfach gegangen und habe ihr gesagt, dass es das nun war und ich sie nie mehr wiedersehen werde. Ihre Antwort: „Du hast sie ja nicht alle, geh mal zum Psychiater!“. Meine Antwort: „Wenn ihr normal seid, dann hab ich sie meinetwegen nicht mehr alle!“ Und mir geht’s gut so.

    Der „hochfunktionale Asperger“ gehört meiner Meinung nach nicht in die Kategorie der „psychischen Erkrankungen“ – wenn er sich nicht selbst da hineinmanövriert.

    Liebe Grüße
    Anna Lühse

    Gefällt 1 Person

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