Von der Theorie und Praxis und dem Autismus‘

Das Problem mit Theorie und Praxis haben alle Menschen auf die eine oder andere Art und Weise. Im Büro entsteht die Theorie eines Arbeitsvorganges und in der Praxis, der Herstellung, gestaltet sich alles ganz anders. Denken und Tun – zwei völlig verschiedene Dinge.

Die Theorie und Praxis im Kontext von Autismus sind ein sehr interessantes Thema.

Jeder Mensch denkt. Der Autist denkt noch viel mehr als andere, weil er sich durch seinen nicht so gut ausgeprägten Instinkt, seine Intuition und Empathie in einem ständigen Denk- und Lernprozess befindet.
Ich versuche in meiner Kammer des Denkens ständig Situationen durchzuspielen, um mich vorzubereiten. Ich nenne es das „was-wäre-wenn-Spiel“. Dabei durchdenke ich alle möglichen Situationen, die auf mich zukommen könnten. Ich entwickle in meiner Theorie also sämtliche Reaktionen, die ich einsetzen könnte. Diese Reaktionen werden zu einer Art Dominoeffekt. Sie setzen weitere Reaktionsmöglichkeiten frei. Und diese verzweigen sich, weil es vom Gegenüber verschiedene Gegenreaktionen geben könnte, die ich einkalkulieren muss. Ich entwickle ein riesiges Netz von theoretischen Reaktionen, um nichts falsch zu machen, weil ich kaum spontan auf fremde Situationen reagieren kann. Also bereite ich mich vor. Das passiert ständig, wenn ich zu bestimmten wichtigen Terminen, Gesprächen oder Veranstaltungen muss. Das können aber mitunter auch ganz banale Anlässe sein zum Beispiel, wenn der Schornsteinfeger kommt.
Ich mache mir Gedanken, die sich wahrscheinlich kein anderer macht. Dazu gehören: Wie begrüße ich den Menschen morgens? Gehe ich kurz auf das Wetter ein oder warte ich, ob er etwas sagt? Was könnte er sagen und wie könnte ich reagieren? Sind die Räume, durch die der Schornsteinfeger im Haus läuft auch ordentlich genug? Riecht es nicht muffig im Haus? Lege ich Trinkgeld bereit? Ist es ein extrovertierter oder introvertierter Mensch? Sollte ich Smalltalk betreiben? Wenn ja, worüber? Wie verabschiede ich mich von ihm? Wünsche ich ihm einen schönen Tag (obwohl ich weiß, dass es regnet oder die Arbeit ihn nervt)? Und so geht es immer weiter. Wo andere Menschen sich keine Gedanken machen, weil sie spontan reagieren können, erarbeite ich regelrechte Reaktionssysteme. Das kann ein Mensch ohne Autismus nicht verstehen. Genauso wenig wie ich spontane Reaktionen verstehe. Es ist eben eine Andersverdrahtung des Gehirns – eine Anderswahrnehmung. Dies ist die einzige Erklärung. Dafür funktioniert der autistische Mensch aber in Bereichen hervorragend, wenn sie sein Spezialinteresse betreffen.

Anderes Beispiel: ein Arztbesuch.
Wenn ich mich nicht vorbereite und dem Arzt dann gegenüber sitze, weiß ich oft nicht, wie ich ihm mein Problem mitteilen soll. Klingt banal, ist aber so. Ich habe ständig Angst, dass ich mein Anliegen falsch oder zu kompliziert mitteile und nicht zu dem Ergebnis komme, das ich will. Wie reagiere ich, wenn der Arzt mein Anliegen bagatellisiert? Gebe ich mich damit zufrieden oder übe ich Druck aus? Mache ich mich mit meinem Anliegen lächerlich?
Bei mir stellen sich oft andere gesundheitliche Probleme ein als üblich. Ich habe viel schneller organische Reaktionen als andere, reagiere kaum auf Medikamente, Schmerzmittel oder Beruhigungsmittel oder entwickle Nebenwirkungen, die unbekannt sind. Dann leide ich an dem Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, weil sich diese merkwürdigen Reaktionen häufen. Deswegen wechsele ich öfters den Arzt. Sobald ich feststelle, dass er mich nicht mehr ernst nimmt, wechsele ich. Ich habe Angst, als Simulant abgestempelt zu werden.
Bisher haben sich all meine Anliegen immer als richtig erwiesen. Vor 20 Jahren bemerkte ich zum Beispiel, dass in meinem Körper Krebs wuchs, hatte Schmerzen und Todesträume, wurde aber nicht ernst genommen, als Simulantin mehrmals heim geschickt. Zwei Jahre später stellte man Brustkrebs in fortgeschrittenem Stadium fest. Warum? Weil der Arzt ein veraltetes Mammographiegerät hatte und die Knoten nicht sah. Meine intensiven Versuche, ihm meine spürbaren Beschwerden mitzuteilen, wurden nicht mehr ernst genommen.

Anders Beispiel: Als man voriges Jahr bei mir wegen anschwellender Lymphknoten im ganzen Körper Krebs vermutete, sagte ich, dass es „Stressknoten“ seien, kein Krebs. Ich weiß, wie sich Krebs anfühlt. Man belächelte mich, sagte, es gäbe keine „Stressknoten“ und überredete mich, dem Nacken einige Knoten als Probe entnehmen zu lassen. Ich gab widerwillig nach mit dem Ergebnis, dass sich durch ein abgeschwächtes Immunsystem kleine Infekte in den Drüsen gesammelt hätten. Wahrscheinlich wäre es auf Stress zurückzuführen, sagten die Ärzte.
Seit der Operation ist meine Haut an der linken Kopfhälfte taub, weil man Nerven bei der Operation durchgeschnitten hat. Aus meiner Sicht wäre die Operation nicht nötig gewesen.

Ich mag es nicht, wenn Ärzte mir nicht glauben, nur weil meine Anliegen anders sind als bei anderen. Deswegen verspüre ich immer große Nervosität, wenn ich zum Arzt muss. Ich gehe selten hin, denn ich habe so gut wie keine grippalen Beschwerden. Wenn ich Beschwerden habe, dann sind es prägnante körperliche Beschwerden, die ich nicht in den Griff bekomme und wo ich die fachliche Hilfe benötige, weil sie unter Umständen fatale Folgen haben können.

Wenn ich nun beim Arzt sitze, habe ich oft das Problem, das Maß der Dringlichkeit angemessen mitzuteilen ohne überzogen zu wirken. Viele Ärzte kennen das Asperger Syndrom nicht, auch nicht die Art von Wahrnehmung und Problemen, die diese Menschen haben. Dann kann ein Arztbesuch für mich zu einem wahren Spießrutenlauf werden. Man kann es mit dem Gefühl von Prüfungsangst vergleichen nur, dass ich diese Prüfungsangst ständig und immer verspüre. Ganz schlimm wird es, wenn es fremde und große Situationen sind. Dann bekomme ich oft einen Overload, weil zu viele Situationen auf mich zukommen, die ich vorher nicht theoretisch erarbeiten konnte.

Wenn meine Theorie in meinem „Büro“ also erstellt ist, kommt die Angst. Kann ich auch alles im richtigen Moment abrufen? Ich leide an Schlafstörungen und Nervosität. Manchmal sogar an Fieberanfällen, je nachdem, wie wichtig der Termin ist.
Ich könnte zum Beispiel nie im Fernsehen bei Diskussionen auftreten. Deswegen schaue ich mir auch gerne Talkrunden an. Ich studiere Menschen und bin fasziniert, wie spontan sie die richtigen Antworten abrufen können, obwohl sie die Fragen vorher nicht kennen.

Einmal faszinierte mich eine junge Schauspielerin bei einer Talkrunde im WDR, die recht unsicher wirkte und sagte: „Es ärgert mich immer, wenn mir die richtigen Antworten erst Stunden später einfallen. Dann blamiere ich mich voll.“ JA! Das kenne ich! Stunden später habe ich die Frage richtig verarbeitet, eine Antwort dafür verdrahtet und kann sie abrufen. Das passiert aber nur bei neuen oder fremden Situationen. Es ist nicht der Fall, dass ich nicht in der Lage bin zu antworten. In meinem Leben habe ich natürlich schon unzählige Situationen durchlebt und gemeistert. Zudem bin ich extrovertiert und habe immer eine Antwort parat. Aber ob sie angemessen ist, steht auf einem anderen Blatt. Meist hilft mir mein Humor. Ich bin sehr fröhlich und witzig und kann mit diesen Eigenschaften viele Situationen geschickt umschiffen. Aber bei ernsten Situationen hört der Spaß auf. Dann kann es schnell zu einer Blamage kommen.

Von der Theorie zur Praxis ist es ein langer Weg. Nun stehe ich mit all meinen theoretischen Ideen und Antworten vor der praktischen Situation und kann sie nicht abrufen. Warum? Zum einen ist es eine Blockade, die ich nicht erklären kann, zum anderen ist es, weil ich bestimmte Dinge einfach nicht aussprechen kann. Ich weiß nicht, warum. Ich kann nicht nein sagen oder unfreundlich sein. Ich kann keine schlechten Nachrichten überbringen oder den anderen bewusst angreifen, auch wenn es angebracht wäre. Ich kann wütend sein, aber dann ist in meinen Gefühlen Holland bereits am Brennen! Wut und Zorn führen bei mir zu cholerischen Reaktionen. Ich schmeiße blindwütig und vollkommen übertrieben gemeine und verletzende Worte um mich mit dem Ergebnis, mich Stunden später dafür furchtbar zu schämen, weil es unangemessen war. Das verursacht unerträgliche Schuldgefühle.
Die Praxis ist oft ein unüberwindbares Problem für mich. Ich hoffe immer, dass ich es eines Tages in den Griff bekomme und genauso entspannt oder sogar erfreut zu Terminen oder Veranstaltungen gehen kann wie jeder andere, doch ich befürchte, das wird nie geschehen. Dann müsste sich in meinem Gehirn eine Metamorphose vollzogen haben. Ein Wunder!

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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2 Gedanken zu „Von der Theorie und Praxis und dem Autismus‘

  1. NT

    „Von der Theorie zur Praxis ist ein langer Weg.“

    Das ist ein schönes Statement und es ist so wahr… Aber immerhin: es GIBT einen Weg dorthin! Ich denke, dass das für jedes Problem Hoffnung macht, egal, wie groß es auch sein mag.

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