Erklärungen

Erklärungen sind sehr wichtig für mich. Da ich viele Handlungsweisen der NTs nicht verstehe, suche ich immer nach Erklärungen. Alles muss für mich eine gewisse Logik besitzen. Für fast alle Begebenheiten, Reaktionen und Gefühle gibt es eine Erklärung.

Als Jugendliche habe ich einen Spruch gelesen: Alles hat einen Grund und ergibt einen Sinn. Ich habe diese Worte zu meiner Grundlage aller Denkprozesse gemacht. Verstehen bedeutet für mich Sicherheit. Da ich vieles durch meine fehlende Intuition oder meinen fehlenden Instinkt nicht verstehe, muss ich es lernen. Das bedeutet lebenslanges Lernen. Immer wieder neu, immer wieder mehr.

Ich habe mich schon sehr früh mit der Frage beschäftigt „Wer bin ich?“ Und – „Warum bin ich ich?“
Bücher von Philosophen sind im Laufe meines Lebens meine besten Freunde geworden.
Warum spüre ich mein Ich-Dasein nur in meinem Körper und nicht im Körper anderer Menschen?
Das waren die ersten Hinweise für meine mangelnde Empathie anderen gegenüber. Ich konnte mich einfach nicht in andere Menschen hineinversetzen. Das machte mich als Kind oft launisch und unzugänglich. Wenn ich die Reaktion meiner Eltern nicht verstand, wehrte ich mich aufs Übelste dagegen. Erst wenn ich Erklärungen bekam, wurde ich einsichtig. Wie oft hörte ich den Satz: „Aber das musst du doch wissen!“ Doch ich wusste es eben nicht.

Daher habe ich als Mutter ein intensives Erklärungsverhalten praktiziert. Schon in den ersten Jahren habe ich meinen Jungen alles erklärt. Irgendwie hatte ich das Gefühl, ich müsste es tun. Der Jüngste begeisterte sich bereits mit sechs Jahren für das Buch „Sophies Welt“. Der Favorit beider meiner Jungen war damals „Momo“.
Egal, was ich machte oder was passierte, ich erklärte es. Das fand ich wichtig, damit sie schon früh lernten, warum die Welt so funktioniert, wie sie funktioniert.
Das machen ganz sicherlich viele Eltern, aber bei mir war es extrem ausgeprägt. Da ich immer von mir selbst ausging, dachte ich, ich müsste alles immer wieder erklären. Bis mich mein Mann darauf aufmerksam machte, dass ich nicht ständig alles wiederholen müsse und die Kinder es schon begriffen hätten.
Ich führte dieses Verhalten in meinem Beruf als Erzieherin fort, wo es oft viel Sinn machte. Doch ich bemerkte nicht, dass ich auch begann den Eltern alles zu erklären. Ich erklärte jede meiner Handlungen und jede Reaktion von mir und wirkte sicherlich auf viele altklug, wenn ich sie verbesserte. Die Worte „weil“ und „aber“ hatten sich praktisch in meinem Gehirn eingebrannt und wirkten oft nervig auf viele. Irgendwie hatte ich immer das Gefühl, ich müsste auch mich ständig erklären. Vielleicht liegt es daran, dass ich andere Menschen so wenig verstehe und mir auch von ihnen wünsche würde, dass sie sich stärker zu erklären.

Als ich begann Bücher zu schreiben, teilte mir eine Leserin mit, dass ich 40% aller Wörter streichen könnte, weil ich unablässig Erklärungen lieferte, die der Leser nicht brauche. Ich ließ mir anhand eines Probetextes meine überflüssigen Wörter von dieser Dame streichen und las den Text noch einmal durch. Sie hatte Recht. Ich hatte Dinge erklärt, die selbstverständlich waren und den Leser zusätzlich verwirrten oder langweilten.

Dieses „Erklärungsdenken“ ist jedoch bis heute geblieben. Ich denke ständig darüber nach, warum Dinge passieren, anstatt sie einfach hinzunehmen.
„Du musst nicht immer alles verstehen“, sagt mein Mann oft, aber ich habe den Drang, alles verstehen zu müssen.
Vielleicht hängt es damit zusammen, dass ich die Welt der NTs immer wieder neu verstehen und dazulernen will, um mich dazugehörig zu fühlen und nichts falsch zu machen. Es kommt mir manchmal wie ein Zwang vor, aber ich kann es nicht abstellen. Besonders schlimm wird es, wenn ich Briefe/Emails von Menschen bekomme, die mir sehr wichtig sind. Dann entsteht in mir eine große Angst, dass ich manche Worte aus dem Zusammenhang falsch verstehe. Und tatsächlich, manchmal dauert es Tage oder gar Wochen, bis mir der tatsächliche Sinn der Worte einleuchtet, doch ich habe bereits geantwortet und mal wieder alles verpeilt. Das löst großen Ärger in mir aus, und ich bekomme ein schlechtes Gewissen und leide an Schuldgefühle, dass der andere mich missverstanden haben könnte.

Da ich ein extrovertierter Mensch bin, kommt es vor, dass ich sehr „intensiv freundlich“ schreibe, weil meine Art der Freude ausgeprägter ist als bei NTs. Wenn NTs „nett“ sagen, sage ich „großartig, toll, beeindruckend“. Ich messe manchem also viel zu viel Bedeutung bei. Das hat etwas mit meinem Alles-oder-Nichts-Denken zu tun. Entweder mag ich etwas total oder gar nicht. Dementsprechend wähle ich meine Worte. Aber auf andere wirken sie manchmal übertrieben oder gar unangemessen.
Ich nehme mir immer wieder vor, Worte der NTs zu übernehmen, aber im passenden Moment kann ich sie einfach nicht abrufen. Dann sprudeln wieder meine eigenen Worte aus mir heraus. Erst zu Hause bemerke ich mein unangemessenes Verhalten und fühle mich schlecht.

Ich habe eine lange Zeit versucht, das Wort „weil“ als Erklärungswort zu vermeiden, und es funktionierte immer besser.
Vor einigen Wochen hörte ich in einem Interview mit Konny Reimann (dem Texas-Auswanderer), dass er unter anderem ausgewandert sei, weil er es satt hatte, sich ständig zu erklären. Diese Worte gingen mir wie Öl herunter. Dieser Mann macht mit seiner Familie so viele Dinge anders als andere und war es überdrüssig geworden, sich ständig zu rechtfertigen. In den USA fällt seine „Verrücktheit“ nicht auf.
Vielleicht möchte ich deswegen mein Leben lang schon auswandern!

Seit ich begonnen habe, mein Verhalten anderen gegenüber nicht mehr zu rechtfertigen, geht es mir besser. Aber es hat mich auch einige Kontakte gekostet, teilweise wichtige Kontakte. Doch ich muss mich entscheiden, mich zu beugen oder so genommen zu werden, wie ich bin. Ich habe mich nach 50 Lebensjahren endlich für Letzteres entschieden und seither das Gefühl, mich auf dem richtigen Weg zu befinden.
Freunde, die mich kennen und schätzen, brauchen keine Erklärungen. Im Grunde sind diese Beiträge auch nur Erklärungen. Doch ich finde es wichtig, endlich damit an die Öffentlichkeit zu gehen und vielleicht Betroffenen oder Menschen, die mit Betroffenen zusammenleben, dazu zu verhelfen, Menschen mit Asperger Syndrom besser zu verstehen. Damit meine ich nicht, sie zu verändern, sondern sie so anzunehmen, wie sie sind.
Und schon stecke ich wieder in meinen Erklärungen drin …

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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