Probleme mit Alkohol

„Ich habe kein Problem mit Alkohol, nur ohne.“ Diesen Witz musste ich mir schon unzählige Mal anhören, wenn ich sagte, ich hätte ein Problem mit Alkohol.

Eigentlich ist der Satz falsch formuliert, denn ich habe Probleme mit Menschen, die zu viel Alkohol trinken. Ich selbst trinke so gut wie keinen. Höchstens mal ein Glas Sekt zu Sylvester oder ab und zu ein halbes Glas Wein an einem schönen Sommerabend. Alkohol verschleiert die Sinne und das mag ich nicht. Zudem habe ich Diabestes Typ I, der mir Alkoholkonsum verbietet. Daran halte ich mich. Ich wäre ja dumm, mich bewusst zu schädigen!
Ich mochte Alkohol noch nie und noch weniger mag ich Menschen, die regelmäßig Alkohol konsumieren.

Da eines meiner Spezialinteressen die Verhaltensweisen von Menschen sind, habe ich mich natürlich oft mit dem Thema „Sucht“ auseinandergesetzt und weiß, dass Alkoholismus eine Krankheit ist. Aber das reine Wissen, dass es eine Krankheit ist oder mit solchen Menschen auszukommen oder gar zu leben, ist ein großer Unterschied für mich. Alkoholismus ist eine Krankheit, von der nur die wenigsten geheilt werden möchten, und das macht es für mich unerträglich.

Ich bin oft erschüttert, wie viele Menschen regelmäßig zu viel Alkohol trinken und es vor der Gesellschaft geschickt kaschieren. Oft dauert es monatelang, bis ich es bemerke. Meist fällt es mir erst dann auf, wenn sich diese Menschen plötzlich verändern. Ich lerne Menschen ja nur kennen und kann sie einschätzen, wenn sie sich immer gleich verhalten. Dann fühle ich mich sicher und kann gut mit ihnen umgehen. Wenn sie sich aber plötzlich verändern, fällt es mir sofort auf. Plötzlich erlebe ich eine Reaktion auf eine Situation, die völlig anders ist als bisher, und ich bin zutiefst verwirrt. Wenn das öfters passiert, werde ich unruhig und frage mich, was mit diesem Menschen los ist. Hat er Probleme? Ist er krank? Ich frage nach, aber eine ehrliche Antwort bekomme ich selten. Am Ende kommt heraus, dass dieser Mensch über viele Jahre schon Alkohol konsumiert, etwas, das andere schon längst bemerkt haben, aber nicht darüber sprechen. Es ist ja unangenehm. Ich bin also wieder die Letzte, die es bemerkt. Aber ich bin auch die Einzige, die darauf reagiert und denjenigen anspricht.
Manchmal reagiert die betroffene Person erleichtert und erzählt von seinen Problemen. Ich biete demjenigen meine Hilfe an, besonders wenn ich merke, dass sich die Stimmungen desjenigen so sehr verändern, dass ich nicht mehr damit klarkomme oder nicht angemessen darauf reagieren kann. Das löst großen Stress in mir aus. Reagiert der Betroffene nicht auf meine Hilfe und macht mir den Umgang mit ihm unmöglich, trenne ich mich kurz und schmerzlos von ihm, weil es mich zu sehr stresst und zudem wütend macht, meine Energie an ihn zu verlieren.
Alkoholiker verwahrlosen nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich. Ihre Stimmungen verbrennen das ganzes Umfeld. Sie zerstören Freundschaften und ganze Familien. Ich komme in meinem Freundes- und Familienkreis mit alkoholsüchtigen Menschen nicht klar.

Auf der anderen Seite bin ich in der Obdachlosenhilfe tätig und treffe auf viele Alkoholiker. Ich empfinde großes Mitleid für sie, aber sie befinden sich nicht in meinem unmittelbaren Lebensraum und fordern keine freundschaftlichen Umgangsformen oder Reaktionen von mir. In einem solchen Kontext kann ich sehr gezielte Reaktionen abrufen.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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