Asperger-Autismus und Stress

Stress ist ein Begriff, den keiner mag. Und das Gefühl, das sich dahinter verbirgt, noch weniger, denn es ist meist unangenehm. Das geht vielen Menschen so, und die psychischen Reaktionen darauf können auf Dauer zu psychosomatischen Erkrankungen führen.
Und doch gibt es einen Unterschied beim Empfinden von Stress.
Ich verbinde den Gegenbegriff Gelassenheit damit. Jeder Mensch hat ein anderes Barometer für Stressempfinden und Gelassenheit.
Je mehr Gelassenheit, desto weniger Stressempfinden.

Ich kenne so gut wie keine Gelassenheit, auch kaum das Gefühl der Entspannung, weil ich ständig denke. Das macht es für mich um vieles schwieriger, mit Stress umzugehen, weil ich ihn schneller und stärker empfinde.
Es hat nichts mit Selbstbewusstsein zu tun, denn davon habe ich wirklich genug. Nein, es hat etwas mit der Wahrnehmung und Reaktion zu tun.
Da ich in vielen Bereichen mit der sozialen Interaktion Probleme habe, das heißt, nicht immer eine angemessene Reaktion auf neue oder fremde Situationen abrufen kann, gerate ich viel schneller in Stress. Man kann es sich so vorstellen:
Man befindet sich in einer Prüfung und fühlt sich ziemlich sicher, den Stoff zu beherrschen und die Prüfung zu schaffen. Doch plötzlich fragt der Prüfer nach einem völlig anderen Thema, mit dem man sich nicht gut auskennt, und man kommt ins Strudeln. Man wird nervös und leidet immer mehr unter Stress und Angst. Der Prüfer stellt letztendlich Fragen, die man nicht mehr beantworten kann. Der Stresspegel steigt enorm an, vor allen Dingen wenn man weiß, dass davon die ganze Prüfung abhängt. Es kommt das massive Gefühl von Versagen auf, was Sinne und Gefühle im höchsten Maße verwirrt. Man beginnt sich zu schämen, fühlt sich degradiert und gedemütigt. Das Schamgefühl wächst und lässt einen letztendlich wie einen nassen Pudel von dannen ziehen. Versagt auf ganzer Linie.
So ungefähr muss man sich das Gefühl eines Aspergers vorstellen, der mit fremden Situationen konfrontiert wird, auf die er nicht angemessen reagieren kann. Er leidet dann oft tagelang unter diesen Erlebnissen, weil er sie wieder und wieder im Gehirn Revue passieren lässt. Er ist nicht dumm, aber er hat viel weniger soziale Intuition durch die Andersverdrahtung des linken Gehirnlappens und damit ein Problem, das Nichtautisten nicht haben.
Bestimmte Situationen erfordern eine hohe soziale Reaktionskompetenz, die der Asperger nicht sehr gut verdrahtet hat. Das heißt nicht, dass er sie nicht besitzt, nein, aber er muss sie über viele Umwege im Gehirn abrufen und benötigt mehr Zeit. Zeit, die er oft nicht hat und deswegen nicht schnell genug reagieren kann. Fragt man ihn eine Stunde oder einen Tag später, kann er durchaus sehr kompetent reagieren. Aber genau das macht das Problem mit dem Stress aus.

Der Asperger fährt seinen Stresspegel viel früher hoch als der Nichtautist. Da das Leben ständig aus neuen und fremden Situationen besteht, steht der Asperger im Alltag ständig unter Stress, weil er nur darüber nachdenkt (verdrahtet), was jetzt eine richtige Reaktion sein könnte. Ihm fehlt die spontane Intuition. Bei Situationen, die er kennt, ist er sehr sicher und kann spontan richtig und angemessen reagieren. Deswegen fühlt sich der Asperger in gewohnten Situationen auch sehr wohl und man merkt ihm seinen Autismus nicht an. Am wohlsten fühlt er sich, wenn er alleine ist, weil er dann gar keine Reaktion abrufen muss und sich total entspannen kann. Menschen und Situationen fordern in einem anderen Maß seine Aufmerksamkeit als bei NTs. NTs können viele Reaktionen über ihre gut verdrahtete Intuition, ihren Instinkt und Empathie spontan abrufen, weil sie soziale Situationen sehr schnell kombinieren können.

Andererseits hat der Asperger den Vorteil, dass er oft sehr gut ausgeprägte Fähigkeiten auf Gebieten hat, die sein Interesse wecken. Ebenso bei Themen, die sein Spezialgebiet umfassen. Er konzentriert sich zu 100% darauf und kann sehr lange darüber diskutieren, weil er Unmengen von Wissen und Daten abrufen kann. Dann befindet sich der NT eindeutig im Nachteil.

Zurück zum Stress.

Asperger stehen, sobald sie ihre gewohnte Umgebung verlassen, ständig unter Stress, also in einem ständigen Gefühl, eine schwierige Prüfung bestehen zu müssen. Das kann bei manchen sogar Zwangsneurosen auslösen, so dass sie sich nicht mehr in der Lage sehen, bestimmte Situationen zu bewältigen und dadurch Macken und Zwänge entwickeln. Es ist wie ein Fehler im Gehirn. Ein Zwang ist etwas, was man immer wieder tut, weil das Gehirn die letzte Handlung nicht gespeichert hat und sie immer wieder abruft. Solange, bis dass das Gehirn den Speicherprozess vollzogen hat, und die Handlung (den Zwang) stoppen kann. Ein Asperger leidet auch an viel stärkeren Ängsten, die sich je nach Ausprägung auf andere Gebiete ausbreiten können. Viele Asperger leiden an Depressionen oder bipolaren Störungen. Sie haben ein erhöhtes Suizid-Risiko.
Menschen mit Asperger Syndrom und hochfunktionalem Autismus (relativ hoher sozialer Kompetenz) leiden allerdings weniger unter Zwängen.

Der Mensch mit dem Asperger Syndrom ist ständig auf der Suche nach einem angemessenen, stressfreien Leben. Das erklärt, warum er häufig den Job wechselt, unter starkem psychischen Druck steht und sich gerne von der Gesellschaft zurückzieht. Das Syndrom ist keine Krankheit, sondern nur eine Anderswahrnehmung. In Fachkreisen wird es noch als Störung erklärt, aber die Begriffe Störung und Syndrom sind sehr negativ besetzte Begriffe und werden von vielen Menschen distanziert aufgenommen. Im Grunde betrachten viele NTs die Asperger mit der gleichen Unsicherheit wie umgekehrt. Doch da sich die Menschen in dieser Hinsicht noch im Ungleichgewicht befinden, sprich es weniger Asperger als NTs gibt, und da das Normale und Gesunde immer an der Mehrzahl gemessen wird, werden die Asperger zunächst einmal als anormal betrachtet.

Dagegen will ich mich wehren und ich versichere, dass niemand auf den ersten Blick bei mir erkennen würde, dass ich eine Aspergerin bin. Ich lache, rede und kommuniziere wie jeder andere auch. Ich sehe auch nicht anders aus als andere. Niemand wird mich je als Aspergerin einstufen, wenn er mich kennenlernt. Aber sobald sich jemand näher mit mir beschäftigt, wird er meine Probleme erkennen. Wenn er sie akzeptiert und mich so nimmt, wie ich bin, hat er eine gute Chance, mein Freund zu werden …

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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