Die Dunkelheit, die Angst und der Traum der 1000 Regeln

Ich war noch sehr jung, als ich zum ersten Mal den Traum der 1000 Regeln träumte. Vier, vielleicht fünf Jahre alt. Ich teilte mir mit meinem zwei Jahre älteren Bruder ein Zimmer und träumte, dass ich nur leben dürfte, wenn ich 1000 Regeln auswendig lernen würde.

Ich kann mich an diesen Traum so gut erinnern, weil er mich viele Jahre lang nachts aufsuchte wie ein immer wiederkehrender Albtraum. Besonders schlimm wurde es, wenn das Zimmer komplett verdunkelt war. Dazu muss man wissen, dass meine Eltern damals eine Wolldecke vor das Fenster hingen, weil wir noch keine Rollos hatten. Alles wurde bis ins kleinste Eckchen abgedunkelt. Das war die Zeit, als meine Ängste begannen.
In der Dunkelheit verliere ich jede Kontrolle und erleide schlimme Ängste. Sobald meine Mutter abends das Zimmer verließ, stand ich auf und machte eine kleine Ecke am Fenster frei, um etwas Licht hinein fluten zu lassen. Ich wollte wenigstens die Umrisse der Dinge im Zimmer sehen. Doch sobald meine Eltern es von draußen im Garten sahen, wurde es wieder schimpfend zugestopft. Ich konnte nicht einschlafen und wälzte mich viele Stunden voller Ängste und mit Schweißausbrüchen herum. Manchmal begann ich zu weinen und meine Eltern ließen die Tür zum Schlafzimmer offen und schalteten dort eine Nachttischlampe ein. Das beruhigte mich. Es nahm mir aber nicht den Albtraum.

Besonders schlimm wurde es, wenn ich irgendwo in der Wohnung den Schlüssel meiner Eltern klappern hörte. Das bedeutete für mich, dass sie das Haus verlassen wollten. Dann schrie ich und bekam starke Bauchschmerzen. Es war für mich undenkbar, dass meine Eltern das Haus verließen, auch wenn meine Oma auf uns aufpassen sollte. Ich verband damit die Angst, dass ich meine Eltern nie wieder sehen würde.
Ich weiß nicht, wie viele Ängste ich in meinen ersten Lebensjahren ausgehalten habe, aber es waren eine Menge. Ich hatte Angst vor fremden Menschen, vor dem Händegeben, vor Berührungen, vor lauten Geräuschen, vor Streit, vor Gewalt, vor der Dunkelheit und am meisten vor dem Traum der 1000 Regeln. Ich verband damit Todesängste. Wenn ich diese Regeln nicht lernen würde, müsste ich sterben. Also lernte, lernte und lernte ich alles, was ich sah und erlebte auswendig wie ein Gedicht, das ich abrufen konnte.

Viele Jahre später fragte ich meine Eltern, ob es in meiner Kindheit irgendeinen Anlass für meine Ängste gegeben hätte. Ein schreckliches Erlebnis in der Dunkelheit oder einen gewalttätigen Vorfall, aber meine Eltern konnten sich an nichts erinnern, das dies ausgelöst haben könnte.

Der Traum der 1000 Regeln verlor sich, als ich in der vierten Klasse war. Das war die Zeit, in der ich mit den ersten Notizen außerhalb meiner Hausaufgaben begann. Als ich begann aufzuschreiben, was mich ängstigte oder erfreute, hatte ich das Gefühl, davon befreit zu sein. So ist es bis heute. Deswegen schreibe ich Tagebücher und Bücher.
Wenn ich nicht schreiben kann, fühle ich mich krank.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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Ein Gedanke zu „Die Dunkelheit, die Angst und der Traum der 1000 Regeln

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