Helfen (2)

Ich habe knapp vier Jahre bei einer ambulanten Sozialstation in meiner Stadt gearbeitet, weil es mir wichtig erschien, hilfsbedürftigen Menschen im Alter zu helfen. Die Arbeit machte mir viel Spaß, weil viele Menschen eine große Dankbarkeit zeigten und die Zeit mit ihnen sehr herzlich und fröhlich verlief. Im ersten Jahr empfand ich eine große Freude an der Tätigkeit. Ich bot einem Herrn hin und wieder an, einen Brief auf dem Heimweg wegzubringen oder beim Einkauf etwas mitzubringen, was er benötigte. Ich fand das selbstverständlich und dachte, es bliebe bei einem Gefallen. Doch damit hatte ich mich wieder in diese uneingeschränkte Hilfeleistung begeben, denn es öffnete dem Herrn ein Tor zu zusätzlichen unbezahlten Leistungen. Seine Forderungen wurden immer mehr. Der Spruch „… aber es dauert doch nur eine Minute“ wurde zu einem Marathonlauf bei der Hin- und Rückfahrt für mich. Ich erkannte nicht, dass ich die Notbremse ziehen musste und erfüllte ihm immer Sonderwünsche, die normalerweise über die Pflegekasse abgerechnet werden mussten. Zum Schluss musste ich die Stelle kündigen, weil ich keinen anderen Ausweg fand. Ich war nicht in der Lage eine Grenze zu ziehen und mich zu schützen. Ich kann mich gegen Beschimpfungen, Vorwürfe oder Ungerechtigkeiten so gut wie gar nicht wehren, weil mir das “Werkzeug” dazu im Gehirn fehlt. Der Hammer zum Zurückschlagen praktisch. Stunden oder Tage späten fallen mir dann alle möglichen Antworten ein, aber nicht in dem Moment. Das macht mich oft sehr wütend.

Das Neinsagen ist eine meiner größten Schwächen, weil ich dadurch schnell in soziale Situationen eingebunden werde, auf die ich nicht angemessen reagieren kann. „Aber Sie haben doch immer … warum denn jetzt nicht mehr?“, waren die häufigsten Fragen, wenn ich vorsichtig anmerkte, dass ich gewissen Erledigungen nicht mehr nachkommen wollte. Ich denke immer, dass viele Menschen ein Neinsagen stichfest begründet haben wollen. Mit Begründungen habe ich meine Probleme, denn mich plagt dabei ständig ein schlechtes Gewissen. Ich finde es unhöflich, wenn etwas nicht erklärt wird. Aber inzwischen weiß ich, dass man durchaus nicht alles erklären muss. Im Gegenteil, im Grunde muss der andere erklären, warum er eine Leistung von mir möchte, die er selbst erledigen könnte.
Das Asperger Syndrom fesselt regelrecht richtige Reaktionen bei mir. Ich habe in meinen Synapsen irgendwie keinen Gang für Gegenwehr oder Abwehr. Ich kann nicht frech oder ablehnend reagieren. Es ist mir einfach nicht möglich. Meine soziale Interaktion ist in diesem Bereich nicht gut ausgebildet. Dadurch gerate ich ständig an Menschen, die mich gerne ausnutzen.

Ich glaube, es existiert eine Art Wahrnehmung zwischen Geber und Nehmer. Ich selbst bitte fast nie um Hilfe und lege immer großen Wert darauf, alles alleine zu erledigen, es sei denn, es ist wirklich unmöglich für mich. Deswegen ärgere ich mich innerlich oft, wenn ich um Dinge gebeten werde, die der andere offensichtlich selbst erledigen könnte. Hilfeleistungen, die mich nicht verärgern, sind zum Beispiel solche, die aus einer großen unverschuldeten Not heraus erbeten werden. Dann ist es für mich keine Frage.

Wenn ich Hilfe anbiete, denke ich oft zielstrebig und sinnvoll, das heißt, ich will mit meiner Hilfe auch etwas verändern oder gar beseitigen. Wenn jemand Probleme hat, die er an mich heranträgt und ich ihn unterstütze, aber bemerke, dass derjenige nichts unternimmt, um die Situation zu verändern, werde ich auf Dauer sauer. Ich kann es einfach nicht verstehen, wenn jemand jammert, ohne etwas zu ändern. Das macht für mich keinen Sinn. Von diesen Menschen wende ich mich dann ab, weil meine Hilfe keinen Sinn macht. Es ist für mich vergeudete Zeit und Kraft. Oft breche ich sogar den ganzen Kontakt ab, weil es meine Gefühle zu sehr belastet.

Ich habe bemerkt, dass es vielen Menschen durchaus ausreicht, nur über ihre Probleme zu reden. Ich rede nicht über meine Probleme. Ich gehe sie an und beseitige sie, egal ob es Dinge im Alltag oder gesundheitliche Dinge sind. Das unterscheidet mich von vielen Menschen, die keinen Autismus haben. Ich bin ständig fröhlich und offenherzig. Wenn es mir schlecht geht, brauche ich das nicht zu zeigen oder gar mitzuteilen, weil es nichts ändert. Ich mache fast alle Probleme mit mir selbst aus.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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