Helfen (1)

Ich helfe wahnsinnig gerne. Mein Helfersyndrom ist sehr stark ausgeprägt. Und genau das hat sich im Laufe vieler Jahre zu einem großen Problem entwickelt, denn ich helfe grenzenlos, das heißt, ich weiß nicht, wann ich stoppen soll.

Mir fällt es sehr schwer, nein zu sagen. Hinzu kommt für mich das Problem, wenn mir jemand von seinen Sorgen erzählt. Dann bekomme ich sofort das Gefühl, helfen zu müssen, fühle mich mit verantwortlich dafür und biete uneingeschränkt meine Hilfe an. Ob es Fahrgelegenheiten sind, kleine Erledigungen oder gar aufwendige Betreuungen bei Krankenhausaufenthalten. Ich leiste Hilfe in Fällen, wo überhaupt keine Hilfe von mir erwartet wird, aber mein Angebot klingt einfach für viele zu verlockend. Ich weiß, dass es falsch ist, aber ich kann es irgendwie nicht ändern.

Da ich selbst Hilfsangebote so gut wie gar nicht in Anspruch nehme, gehe ich immer davon aus, dass mein Gegenüber abschätzen kann, wann es nötig ist und wann nicht. Doch das stimmt nicht. Viele lassen nur allzu gerne ihre Probleme von anderen richten und ich habe die Gabe, genau auf diese Menschen zu reagieren. Mir fehlt irgendwie der Instinkt zum Selbstschutz.

Es beginnt schon an der Haustür, wenn ein Nachbar klingelt und mich bittet, ein Paket entgegen zu nehmen, was noch an diesem Tag geliefert werden soll. Obwohl ich selbst für diese Zeit etwas vorhabe, sage ich dem Nachbarn zu und verlege meine eigenen Pläne. Den Nachbarn trifft also keine Schuld. Das mache ich nicht, wenn ich wichtige Termine habe, aber sobald ich etwas unproblematisch verschieben kann, tue ich es. Ich halte es für eine höfliche Nachbarschaftsgeste. Das ist im Grunde auch nicht schlimm, aber es legt den Grundstein für weitere Leistungen. Meine „Hilfsschleife“ ist nun in Gang gesetzt. Es geht weiter mit Urlaubsleistungen (Blumen gießen, Post nachschauen, Garten versorgen…) Auch das ist nicht schlimm und ich mache es gerne. Schlimm wird es, wenn es sich herumspricht und der nächste Nachbar anfragt. Und dann der nächste. Es kam vor, dass ich drei Häuser mit großen Gärten in der Sommerzeit gleichzeitig versorgte und jeden Abend fast zwei Stunden nur deswegen unterwegs war.

Wann sage ich nein, ohne unfreundlich zu erscheinen? Ich bin nicht in der Lage, eine Grenze zu ziehen, um mich zu schützen und fühle mich anderen Menschen daher oft schutzlos ausgeliefert. Ich bin ein sehr freundlicher Mensch, denke aber immer, dass eine Ablehnung mit Unfreundlichkeit gleichgesetzt wird und ich deswegen nicht mehr gemocht werde. Mein ganzes Leben lang war es mein Bestreben, in der Gesellschaft nicht aufzufallen, um gemocht zu werden – ein endloser sozialer Anpassungsversuch.

Es gab eine Situation, als meine Söhne noch die Grundschule besuchten und die Mutter eines Mitschülers bei mir anrief, dass sie heute ihren freien Tag habe und ob ihr Sohn solange bei uns bleiben könnte. Er würde sich bei uns sooo wohl fühlen. Geschmeichelt durch das Lob übersah ich die Absicht dahinter und sagte zu.
Ich war noch nie auf die Idee gekommen, einen freien Tag bei meinen Kindern einzufordern und sie woanders unterzubringen. Als sich dieses Kind bei uns aber schlecht benahm, wurde ich wütend und dachte, ich sage beim nächsten Mal nein. Und … es kam, wie kommen musste: Die Mutter war entsetzt und brach sofort den Kontakt zu mir ab. In mir entstand ein schlechtes Gewissen und ich begann das Buch „Gute Mädchen kommen in den Himmel …“ zu lesen, einen Ratgeber für Frauen, um mir Hilfe beim Neinsagen zu holen. Alles was es bewirkte war, dass ich plötzlich viele Kontakte verlor, und das machte mir Angst. Also musste es falsch sein. Alle sagten, ich hätte mich zum Nachteil verändert. Ich gab wieder nach und schlüpfte in die alte Rolle. Es interessierte damals niemanden, dass ich gerade eine Krebserkrankung mit Chemo und Bestrahlung hinter mir hatte. Niemand fragte, ob er mal meine Kinder für einen Nachmittag in Obhut nehmen solle. Da wir einen großen Garten hatten, waren bei uns ständig Kinder zu Besuch. Ich hielt es damals für wichtig, dass meine Kinder eine gute soziale Entwicklung durchlebten und erkannte nicht den Nebeneffekt, wie viele Mütter von diesem Dienst profitierten. Ich habe nie den Mut aufgebracht, um eine Gegenleistung zu bitten. Es fällt mir sehr schwer um Leistungen oder Hilfe zu bitten.
Heute weiß ich, dass der Kontaktabbruch zu bestimmten Menschen ein gesunder Kontaktabbruch ist. Es gibt Menschen, auf deren Meinung oder Freundschaft ich keinen Wert mehr legen muss. Und ich weiß auch, dass das Nicht-Gemochtsein zum Leben gehört, genau wie das Gemochtsein. Es ist für mich nur schwer auszuhalten.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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Ein Gedanke zu „Helfen (1)

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