Ich bin nicht von dieser Welt

Im Sommer 1982, als ich 18 Jahre alt war, begann ich intensiv Tagebuch zu führen. Vorher hatte ich hin und wieder Eintragungen über meine Tagesabläufe und Gefühle in diverse Schulhefte geschrieben und sie in einer Kiste verstaut. Doch 1982 kamen so wunderbare chinesische Tagebücher in das Schulsortiment von Karstadt, dass ich eine regelrechte Lust entwickelte, sie zu füllen. Das war der Beginn von regelmäßigen Eintragungen meiner Tage. Diese Eintragungen gehen bis 2007, also über 25 Jahre. Seit 2012 führe ich wieder Tagebuch.

Eine Begebenheit von 2011 veranlasste mich dazu, diese alten Bücher hervorzuholen und die ersten Eintragungen zu lesen. Es war die Zeit, als ich zum ersten Mal vom Asperger Syndrom hörte und das große Buch von Tony Attwood las. Die Informationen darin fesselten mich dermaßen, dass ich tagtäglich Stunden damit verbrachte über Autismus zu lesen. Ich kann mich erinnern, dass ich bereits vor vielen Jahren einmal eine Geschichte über einen Autisten schreiben wollte, es aber nie getan habe. Jetzt saß ich an der Quelle der Informationen über einen Autismus, der unbemerkt unter uns lebt: der milde Autismus, der hochfunktionale Autismus, der Asperger.

Immer wieder stieß ich auf diese Aussage anderer Autisten: „Ich bin nicht von dieser Welt“. Hatte ich diesen Satz damals nicht immer wieder in meine alten Tagebücher geschrieben? Und tatsächlich, ich las mein erstes Buch durch und stieß in regelmäßigen Abständen auf eben diese Aussage. Schon damals fühlte ich mich nicht dieser Welt zugehörig. Ich stellte mir ständig Fragen, warum ich so vieles anders empfand als andere. Ich fühlte mich ständig falsch und unverstanden. Man unterstellte mir als Jugendliche, ich leide an unerträglichen Launen, gerade wenn man mich vom Schreiben abhalten wollte.

Ich hielt mein erstes Tagebuch in der Hand und hatte den ersten Anhaltspunkt, dass ich eine Autistin sein könnte. Das machte mich glücklich und unglücklich zugleich, denn einerseits hatte ich endlich eine Antwort auf meine vielen merkwürdigen Gefühle und Gedanken, und andererseits hatte ich große Angst, nun in einer Psychiatrie zu landen, wo viele Asperger therapiert werden. Das wollte ich vermeiden. Also zog ich sämtliche Bücher über das Asperger Syndrom an Land und verschlang sie eins nach dem anderen wie andere Leute eine Tafel Schokolade nach der anderen. Meine Lesesucht hatte neues Futter bekommen. Ich konnte nicht genug Informationen in mich hinein schaufeln. Ob Tony Attwood, Christine Preißman, Aspies e.v., Lasse von Dingens, Dr. Peter Schmidt, Risse, Hajo, Miggu und viele, viele andere. Ich begann mir Bücher von Autisten mit gestützter Kommunikation zu holen („Ich Igelkind“ uvm…) und ihre Welt der Worte zu studieren. Ich wurde nicht satt, darüber zu lesen und verstand jedes einzelne Wort, egal wie verschlüsselt es formuliert war.

Das Wissen brachte meinen ganzen Alltag durcheinander. Ich begann an Schlafstörungen zu leiden und verlor meine Alltagsstruktur. Es war, als würde ein neues Ich aus mir herausbrechen, dass sich all die Jahre über in eine Kammer eingeschlossen hatte. Angst und Erschöpfung, aber auch Glück und Sicherheit führten einen Schlagabtausch in mir. Ich fuhr zum ersten Mal alleine drei Wochen in Urlaub an die Küste North Devons, um herauszufinden, wer ich wirklich bin, denn all meine Strukturen, Aufgaben und Ansichten passten plötzlich nicht mehr. Nichts passte mehr. Ich war zu einem Pullover geworden, der sich umkrempelte und nun mit einem neuen Muster zeigte. Gegen Ende 2013 meldeten sich die ersten körperlichen Anzeichen. Mir schwollen sämtliche Lymphdrüsen im Körper an, und als ehemalige Krebspatientin wurde ich aufmerksam, ob ich Lymphdrüsenkrebs haben könnte. Also ließ ich mir im Nacken einige Knoten entfernen. Gottseidank mit negativem Ergebnis. Die Schwellungen waren „Stressknoten“. Ich fuhr im Frühjahr 2014 erneut alleine nach England, diesmal für fünf Wochen und dort brach das Syndrom vollends aus mir heraus. Ich schrieb in dieser Zeit ein neues Buch und fühlte mich regelrecht angekommen. Alles war perfekt. Die Ruhe, das Schreiben, die Natur und das Alleinsein. Es war, als begegnete ich dem Menschen, der mich im Alter von 19 Jahren verlassen hatte. Dem Mädchen, das unendlich gerne schrieb, reiste, in der Natur herumwanderte und alleine war. Das aber auch alle Menschen, Tiere und besonders die Natur liebte.

Es entstand ein Konflikt zwischen dem Leben, das ich 30 Jahre lang an der Seite meines Mannes geführt hatte, und dem Leben, das nun in mir danach verlangte, gelebt zu werden. Es wurde zu einem unlösbaren Problem und ich suchte Hilfe bei der Uni Köln, um Gewissheit zu bekommen und mich beraten zu lassen.

Meine Versuche, das Problem der gesamten Familie mitzuteilen, scheiterten zu 50%. Die Hälfte der Familie zeigte kein Verständnis, obwohl ich mich 30 Jahre lang aufopferungsvoll um den Zusammenhalt bemüht hatte und immer zur Stelle war, wenn Hilfe benötigt wurde. Vielleicht gerade deswegen. Sie verstanden nicht, warum ich plötzlich eine Auszeit brauchte, wo ich doch so viele Jahre so „gut funktioniert“ hätte. Ja, funktionieren, das ist ein gutes Wort. Ich habe funktioniert, weil ich immer das tat, was andere von mir erwarteten. So hatte es mich das Leben gelehrt. Jetzt wollte ich etwas tun, was nur gut für mich sein sollte.
Ich musste mich entscheiden: ich oder die anderen. Die Therapeutin einer Autismus-Ambulanz gab mir den entscheidenden Tipp: Ziehen Sie sich von allen Menschen zurück, die Sie derzeit belasten. Sie leiden an starken Schlafstörungen. Das sind massive Anzeichen von Depressionen. Der Körper reagiert bereits mit Schwellungen der Lymphknoten. Es ist allerhöchste Zeit. Sie müssen aufhören, anderen zu helfen, sondern mehr für sich tun.
Das tat ich, konsequent, und teilte es allen mit.

Zu mir halten heute mein Mann, meine Söhne, mein Bruder mit Familie und mein Vater mit Familie. Und einige Freunde. Vielen Dank an dieser Stelle an all diejenigen!

Ich habe viele Menschen verloren, von denen ich dachte, sie würden mir viel bedeuten. Aber da ich ihnen anscheinend nichts bedeute, so, wie ich wirklich bin, und sie nicht mit mir ins Gesprächen kommen möchten, muss ich mich von ihnen trennen, bevor sie mich wieder in die alte Rolle zwingen. Ich würde daran zugrunde gehen.
Der Weg wird noch lang sein, bis ich da ankomme, wo ich ganz ich selbst sein kann.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

DSCN3960

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s