Schlafgewohnheiten in der Kindheit

„Die Nacht ist zum Schlafen da“, sagte meine Mutter ständig, wenn sie um Mitternacht in mein Zimmer kam und mich an meinem Schreibtisch schreiben sah. „Jetzt aber ‚hüsch‘ ins Bett. Du musst morgen wieder früh raus.“

Diese Worte klingen in mir, als hätte sie sie gestern erst gesagt.
Doch ich hatte als Kind vorgesorgt und in meinem Bett bereits Taschenlampe, Papier und Stift bereitliegen, um dort unter der Bettdecke weiterzuschreiben. Ich wusste nämlich, dass meine Mutter durch meine Türritze das Licht im Zimmer sehen konnte.

Ab meinem zehnten. Lebensjahr hatte sich ein krasser Wandel meiner Schlafgewohnheiten vollzogen. Es war die Zeit, als ich ein eigenes Zimmer bekam. Zuvor hatte ich ein Zimmer mit meinem zwei Jahre älteren Bruder geteilt und hielt die vorgegebenen Schlafzeiten meinem Bruder zuliebe ein.
Jetzt war ich alleine Herrin über ein eigenes Zimmer und konnte endlich meinen natürlichen Schlafbedürfnissen nachkommen und das hieß bis vier Uhr morgens schreiben, dann zwei Stunden schlafen und um sechs Uhr wieder schreiben, sieben Uhr waschen, acht Uhr Schule. Mein Start in den Tag war exakt durchgeplant.

Aber mein Zimmer hatte einen Makel: Es war ein Durchgangszimmer, und damit war vorprogrammiert, dass ich ständig gestört wurde. Mit dem Geschichtenschreiben funktionierte es einfach nicht, weil ständig irgendwelche Freunde meines Bruder das Zimmer durchquerten und mich wegen meiner Schreiberitis ärgerten. Das nervte, und ich entschied tagsüber entweder in den Wald zu verschwinden und das Alleinsein zu suchen oder bei schlechtem Wetter alles über die USA in den Zeitungen zu sammeln, auszuschneiden und in einen Ordner zu kleben. Für mich stand fest, dass ich eines Tages in die USA verschwinden würde. Mit 11 Jahren fand ich zufällig durch einen Artikel den Ort Aspen in Colorado und damit eine Art Heimat. Nur weg hier, wo man mich nicht in Ruhe schreiben und lesen ließ. Viele Jahre später sollte sich der Ort tatsächlich als sehr bedeutungsvoll für mich erweisen.
Wieder zurück zu meinen Schlafgewohnheiten.

Die Nacht war für mich die ultimative Zeit, in der mein Hirn am Besten funktionierte. Das ist heute immer noch so. In dieser Zeit ist alles ruhig und somit ein optimaler Zeitpunkt für saubere, ungestörte Konzentration.
Ich erledigte meine Hausaufgaben in dieser Zeit sehr sorgfältig und schrieb endlos Geschichten über eine Welt, in der ich gerne leben würde. Sie war lustig und voller Fernsehstars, die ich so gerne im Fernsehen anschaute. Bevorzugt wählte ich amerikanische Stars, weil mich die Filmbranche in Hollywood immer schon magisch anzog. Dort wurden Welten produziert, die es in der Wirklichkeit nicht gab. Das faszinierte mich.

Dass ich nur zwei Stunden in der Nacht schlief, schadete mir nicht, denn ich war immer voller Energie und kam allen Aufgaben nach, die von mir erwartet wurden. Ich war in der Grundschule eine sehr gute Schülerin, weil mir das Lernen unglaublich viel Spaß machte, und zu Hause erledigte ich oft ungefragt Hausarbeiten, weil sich meine Mutter immer darüber freute. Ich mochte es, wenn sie sich freute. Dafür wollte ich dann in meiner verbleibenden Zeit in Ruhe gelassen werden.

Diese ungewöhnliche Schlafenszeit zog sich bis zu meinem 19. Lebensjahr hin.

Seit drei Jahren, also ab meinem 48. Lebensjahr, leide ich wieder an unregelmäßigem Schlaf.
Über 29 Jahre lang hatte sich ein normaler Tag- und Nachtrhythmus durch meine Kinder eingespielt. Ich befand mich in der Mutterrolle und hatte tagsüber für die Kinder hundertprozentig da zu sein. Als meine Söhne groß waren und mich nicht mehr so forderten, begann mich eine plötzliche Schlaflosigkeit wieder einzuholen. Der Körper verlangte den alten Rhythmus zurück und ließ mich vor vier Uhr morgens nicht mehr einschlafen. Erst ein Gespräch mit der Leitung einer Autisten-Selbsthilfegruppe brachte mir die Lösung. Man empfahl mir einfach, dem normalen Rhythmus nachzugeben. Das tat ich und schreibe jetzt mitten in der Nacht Texte oder lese Bücher. Ich habe ein eigenes Zimmer, in dem mich nachts niemand stört. Manchmal schaffe ich es sogar nachts durchzuschlafen! Aber das ist eher selten.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

DSCN3960

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s