Heute richtig, morgen falsch

Das Schwanken meiner Gefühle macht mir oft sehr zu schaffen. Da mein Gehirn ununterbrochen arbeitet, analysiert und zu verstehen versucht, ist es einem ständigen Wechsel der Betrachtungsweisen unterzogen.
Ein Beispiel:
Heute schreibe ich mit großer Freude eine Email an einen Freund und dann beginnt der Prozess im Gehirn, diese Email immer wieder neu zu lesen.
Habe ich alles richtig geschrieben?
Wird auch nichts falsch verstanden?
Wird der andere sich über meine Worte freuen?
Bin ich nicht zu aufdringlich gewesen?
Habe ich auch die richtigen Informationen weiter gegeben?
Diese Selbstbefragung ist ein endloser Prozess und endet meist damit, dass ich in der Email irgendetwas finde, was ich hätte besser oder anders schreiben sollen. Damit hat mein Gehirn wieder das erreicht, was immer der Fall ist: Unzufriedenheit und ein schlechtes Gewissen. Obwohl ich weiß, dass der Adressat es wahrscheinlich nicht bemerken wird, bestraft mich mein perfektionistisches Denken ohne Ende. Das kann Tage dauern. Am liebsten möchte ich diese Email dann rückgängig machen, aber das ist nicht möglich, wenn ich sie abgesendet habe.

Oftmals lasse ich eine Email im Entwurfsordner und überarbeite sie tagelang, bis ich das Gefühl habe, dass sie sich nun gut genug zum Abschicken anhört. Ich kann diesen Prozess im Gehirn nicht stoppen. Er findet automatisch statt. Ich denke, es hat etwas damit zu tun, dass ich immer Angst habe, missverstanden zu werden, weil ich viele Dinge im Leben anders wahrnehme oder betrachte.
Früher, als es noch das klassische Briefeschreiben gab, hatte ich dieses Probleme nicht. Ich schrieb einen Brief und schickte ihn ab. Warum war das so?
Ich erkläre es damit, dass ich diesen Brief nicht im Nachhinein kontrollieren konnte und den Inhalt sehr schnell vergaß. Das ist mit der heutigen Technik anders. Sie gibt mir die Möglichkeit zur endlosen Kontrolle meiner eigenen Handlungen. Es ist die Angst, immer etwas falsch zu machen. Diese Angst ist sehr ausgeprägt bei mir, weil ich durch meine Impulsivität schnell in prekäre Situationen gerate. Ich kann keinen Smalltalk machen und verliere mich stattdessen unaufhaltsam in Diskussionen über für mich interessante Themen.
Das ist der Grund, warum ich nicht gerne zu Feiern oder Veranstaltungen gehe. Wenn zu viele Menschen gleichzeitig auf mich zukommen, werde ich sehr nervös. Kenne ich die Menschen, geht es einigermaßen. Sind es aber Fremde, kann es passieren, dass ich einen Overload bekomme und kurzerhand verschwinde. Besonders schlimm wird es, wenn Probleme mit Fremden entstehen. Dann steigt eine große Hitze in mir auf, mein Hirn explodiert und ich rette mich, indem ich schweigend den Raum verlasse. Mein Gehirn beschäftigt sich dann tagelang mit den Abläufen, was ich alles falsch gemacht habe und was ich hätte besser machen können. Das klingt kurios, nicht wahr?

Bei Feiern mit engen Freunden fühle ich mich oft wohl, weil ich ihre Reaktionen abschätzen kann, und dennoch denke ich am nächsten Tag darüber nach, ob ich mich zu irgendeinem Moment falsch oder komisch verhalten habe. Dann frage ich oft bei meinem Mann nach, ob mein Verhalten in Ordnung gewesen war. Ich lege immer den Fokus auf die Meinung der anderen, nicht auf mich. Warum ist das so?

Ich denke, es hat damit zu tun, dass ich kaum spontan reagieren kann, das heißt, mir fallen die richtigen Reaktionen ersten Stunden oder Tage später ein und dann ärgere ich mich furchtbar über mich selbst. Ich bekomme auch Schamgefühle, weil ich denke, die anderen halten mich für ziemlich dumm. Dabei hat es nichts mit Dummheit zu tun. Ich benötige eben länger, um fremde soziale Situationen richtig zu verdrahten. Sobald ich aber mit sozialen Situationen oder Themen vertraut bin, verspüre ich eine große Sicherheit und kann angemessen und sehr kompetent reagieren und diskutieren.

Ich denke, dass das Problem „heute richtig, morgen falsch“ immer ein Problem in meinem Leben sein wird. Heute sage ich etwas, was ich morgen schon bereue. Es hat vielleicht auch etwas mit meiner Offenheit und direkten Art zu tun. Ich bin wenig strategisch, sehr ehrlich und kann nicht berechnend handeln.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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