Das Problem mit Berührungen

Ich war gerade 10 Jahre geworden und besuchte die 4. Klasse der Grundschule, als es zum ersten Mal geschah. Gut, ich war es gewöhnt, dass ich eine Oma hatte, die mich bei ihren Besuchen ständig mit Küssen regelrecht ableckte, aber dass mich ein anderer Mensch als meine Eltern oder meine Großeltern berührten, war für mich undenkbar. Ich hasste das Händegeben. Es löste Ekel in meinem Magen aus, aber ich merkte schnell, wie groß der Ärger jedes Mal war, wenn ich es nicht tat. Also entwickelte ich eine Strategie und hielt die Luft an, wenn ich jemandem die Hand reichte. Ich bildete mir ein, dass mein Magen dann nichts spüren würde und es funktionierte. Luft anhalten, Hand geben, vorbei, Luft holen.

Doch plötzlich spürte ich die Hand meine Lehrers auf meinem Kopf und eine Welt brach für mich zusammen. Was war passiert?

Wie es damals in der Grundschule so üblich war, mussten wir uns zum Weg in die Turnhalle immer zu zweit nebeneinander in Reih und Glied aufstellen. Der Lehrer kontrollierte uns und wenn alles okay war, gingen wir los.
Doch diesmal hatte ich ein Mädchen an meiner Seite, das herumalberte und aus der Reihe tanzte. Ich bat sie um Ruhe, und genau in diesem Moment kam unser Lehrer vorbei, schlug mir mit seiner flachen Hand auf den Kopf und sagte irgendetwas Unfreundliches zu mir. Keine große Sache, aber für mich war es das Ende an dieser Schule. Ich empfand diesen ungerechten Schlag auf meinen Kopf viel stärker, als er in Wirklichkeit gewesen war und bekam starke Kopfschmerzen. Zudem entstand in mir genau in diesem Moment eine große Distanz zu meinem Lehrer. Ich mochte ihn seitdem nicht mehr leiden und erzählte meinen Eltern davon. Doch für einen NT hat so ein Vorfall nichts Beunruhigendes. Für mich war es eine Katastrophe. Nicht nur, dass mich dieser Mensch völlig unvorbereitet berührt hatte, was mich mächtig zurückzucken ließ, sondern es ging auch um die Ungerechtigkeit. Eigentlich hätte das Mädchen neben mir für ihr Fehlverhalten den Schlag bekommen müssen, aber eine Diskussion diesbezüglich erstickte der Lehrer natürlich im Keim.

Was passierte danach? Ich war bislang eine Schülerin, die nur Einser und Zweier nach Haus brachte, doch ab diesem Moment war ich nicht mehr in der Lage, von diesem Lehrer etwas zu lernen. Da er, wie es damals üblich war, die meisten Fächer lehrte, sanken meine Noten rapide in den Keller. Als es ein halbes Jahr später zu der Entscheidung kam, welche weiterführende Schule ich besuchen sollte, wünschte ich mir das Gymnasium, weil ich später gerne Literatur oder Journalismus studieren wollte. Schreiben war für mich einfach großartig. Doch mein Lehrer verwies auf die letzten schlechten Noten und empfahl eher die Realschule, wenn nicht sogar die Hauptschule. Ich würde mich mit dem Lernen in letzter Zeit schwer tun. Meine Eltern steckten mich gegen meinen Willen in die Realschule. Sie wussten es nicht besser. Ich mache ihnen keinen Vorwurf daraus.

Diese Schule war für mich der völlige Untergang hinsichtlich allen weiteren Lernens, denn ich bekam einen Klassenlehrer, der mich ständig an den Armen anfasste, wenn er mir etwas sagte. Dann bekam ich eine Deutschlehrerin, die mich in den Hals kniff, wenn sie meine Aufsätze vor der ganzen Klasse tadelte. Mein Englischlehrer betatschte immer meinen Kopf, wenn er mich darauf hinwies, ich solle Oxford-Englisch sprechen, nicht American-Englisch. Das waren einfach zu viele Berührungen. In mir setzte sich ein System in Gang, dass ich nicht mehr in den Griff bekam. Ich konnte keinen Stoff mehr aufnehmen und verkroch mich endlos in meinen Geschichten, die sich immer weiter von der Realität entfernten. Meine Eltern waren in großer Sorge, denn ich brachte nur noch Fünfer und Sechser heim. Sie vermuteten Schlafmangel und kontrollierten mich ständig. Ich teilte meinen Eltern mit, dass mich die Lehrer alle anfassten, doch niemand reagierte. Dann reagierte mein Körper: Ich bekam regelmäßig Fieberanfälle vor den Klassenarbeiten, die so heftig waren, dass meine Mutter mich tatsächlich ständig zu Hause behalten musste.

Nach zwei Jahren Quälerei wurde ich auf die Hauptschule heruntergestuft, weil ich „zu dumm“ für die Realschule sei. Das war das Ende meines Berufswunsches. Ich könnte niemals mehr studieren, hatte vollkommen den Anschluss verpasst und vergrub mich in Büchern, die selbst für Erwachsene schwer zu verstehen waren.

In der Hauptschule entwickelte ich eine Art Gleichgültigkeit der Schule gegenüber. Wenigstens fasste mich kein Lehrer mehr an. Der Stoff war dermaßen leicht für mich, dass ich für nichts lernen musste und ich arrangierte mich mit der Tatsache, dass ich dort wenigsten den Realschulabschluss absolvieren konnte. Ich lernte den Beruf der Erzieherin, weil meine Eltern den Beruf solide fanden und ich immer schon ein Händchen im Umgang mit Kindern gehabt hätte. Sie waren der Meinung, dass ich die optimale Schule besucht hätte und den optimalen Beruf erlernen würde. Ich widersetzte mich nicht, sondern flog mit 19 Jahren zu einer Aupair Stelle in die USA! Ich wollte nur noch weg!

Diese Fieberanfälle holen mich heute noch ein. Immer wenn mich Situationen zu sehr stressen, bekomme ich Fieber. Es passiert meistens nachts. Ich glaube, dieses Problem werde ich nie wieder los.
Ebenso zucke ich ständig zurück, wenn mich jemand auch nur ansatzweise berührt, sei es im Restaurant ein Ellbogen oder auf einem Konzert jemand, der neben mir steht. Ich kann bis heute nicht zu großen Menschenansammlungen gehen, ohne massiven Stress zu verspüren. Ich kann nicht in Ruhe shoppen oder einen Stadtbummel genießen, wenn zu viele Menschen unterwegs sind. Das löst bei mir unerträglichen Stress aus.

Natürlich habe ich bei meinem Mann und meinen Kindern keine Berührungsängste. Auch nicht bei Menschen, die ich näher kenne und denen ich vertraue.

(Ab jetzt kann man meine Blogs auch zusammengefasst als eBook und  Printausgabe lesen)

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